"Nein, es ist kein Brief eingetroffen, sonst würde jedenfalls Fuhrwerk am Bahnhof oder am Wege gewesen und ohne Zweifel der Herr Graf selbst zum Empfang des gnädigen Herrn, der schon seit mehreren Tagen erwartet wurde, erschienen sein," erklärte der Haushofmeister Frederik, als welcher er sich, unter bescheidener Verneigung, dem Grafen vorstellte.
Und der Graf sei nicht zu Hause, auch die Komtesse Imgjor sei nicht anwesend. Aber die gnädige Frau befänden sich in ihren Gemächern. Er bitte, daß der gnädige Herr geruhen möge, in seine Zimmer einzutreten, er werde inzwischen dessen Ankunft der Herrschaft zu melden sich beeilen.
Unter solchen Erklärungen schritt der Haushofmeister, ein hagerer Mann mit grauschwarz meliertem Haar und ernsten, überaus vertrauenerweckenden Mienen, neben dem Grafen Dehn die große Freitreppe im Innern empor und führte ihn hinten links durch einen durch zahlreiche Familiengemälde etwas verdunkelten, hohen und langen Korridor. Am Ende desselben befanden sich die für den Gast bestimmten Räume.
Und gleichzeitig erschienen auch schon zwei rotlivrierte Lakaien und luden des Grafen Gepäck ab, und nachdem dies geschehen, entfernte sich Frederik unter ehrerbietiger Verneigung.
Die Gemächer waren ebenso reich, wie geschmackvoll und bequem eingerichtet.
Blaue, venetianische Seidentapeten bedeckten die Wände, helle, sanftgeblümte Fußteppiche den Fußboden und dunkle Möbel fesselten das Auge.
Auch boten die Räume einen Ausblick auf die Gärten, den Park und das Dorf, das gleich einem Zauberbilde in dieses entzückende Tableau hinein geschoben schien.
Nach einer Viertelstunde, nach Auspacken und Ordnen der Toilette, erschien auch schon Frederik wieder, verbeugte sich mit der ihm eigenen natürlichen Würde und meldete, daß die gnädige Frau sehr glücklich sei, den Herrn Grafen empfangen zu dürfen. Sie würde schon gleich diese Botschaft gesandt haben, wenn sie nicht geglaubt hätte, daß ihm eine Pause der Erholung angenehm sein werde.
Sie durchschritten denselben Korridor, machten einen kurzen Halt auf dem mit mächtigen Jagdbildern geschmückten, in weißem Marmor getäfelten Flur und nahmen den Weg durch einen großen, mit grünseidenen Tapeten, schmalen, hohen Spiegeln und seidenen Polstermöbeln ausgestatteten Saal.
Und nachdem sie diesen verlassen und noch zwei daranstoßende Prunkgemächer durchmessen, traten sie in einen kleineren Gartensalon, der mit verschwenderischer Pracht eingerichtet war. An diesen stieß wieder ein zweifenstriges Kabinett, und in ihm lag, umgeben von französischen Möbeln, blühenden Blumen, Statuetten und Bequemlichkeiten, auf einem hellen, seidenbezogenen Divan die Gräfin Lucile Lavard.