Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo—"
"Nun?"
"Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden aufnehmen!"
In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte, blitzte es auf.
"Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!" stieß sie heraus.
"Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich den
Ihrigen ein solcher Plan genehm sein würde."
"Meine Eltern werden sehr glücklich sein—" entgegnete Axel, "wenn Sie ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel.—Aber ob Komtesse Imgjor damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich seit den letzten Vorgängen haßt—"
Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einem
Ausdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihm
Gesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnete
nichts.
* * * * *
Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt. Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt, dabei eine Rolle spiele.