Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten, einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung. Man jauchzte und weinte mit ihr.

Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit. Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.

Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm bevor.

Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende Stafetten gleich eingeholt werden.

"Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!" drängte Graf Knut, nachdem Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. "Singen Sie gütigst zum Schluß noch mein Lieblingslied!"—

"Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht—Welches ist's, Herr Graf?" gab Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht, zurück. Und "Ach ja—gewiß—ich weiß jetzt!" fügte sie dann äußerst bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:

"Einmal möcht', daß die Traumgedanken
Sich verwandelten in Wirklichkeit!
Einmal möcht' ich aus den Schranken
Eingeh'n in die Seligkeit!

Seligkeit sind deine Lippen!
Seligkeit ist deine Brust!
Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,
Einmal diese trunk'ne Lust!"

Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward. Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel, ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles, wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und empfahl sich.

Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der hier in das Thal hinabführte.