Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.
Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und Imgjor wich—er sah's von seinem Versteck aus—angstvoll erschrocken zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der Ton zu ihr gedrungen.
Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung fast gleichzeitig ein Geräusch—das Geräusch der Schritte einer eilig den Berg hinaufklimmenden Person—beider Ohr traf, und gleich darauf auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch Entgegeneilende einsprach:
"Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und Sterbenden—"
Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung. Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen, wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.
Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte, Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm und ihr lösen wolle.
"Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus Schlechtem kann nichts Gutes entstehen.—"
Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glauben
möge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühere
Braut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrer
Hand im Zorn von ihm vernichtet seien.
"Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns fanden—"
"Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir!—Ich darf, ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur—"