Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch in
Kopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nach
Lyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nicht
und könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.

"So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch die
Polizei feststellen können—"

"Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch dein
Mißtrauen—"

"Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene. Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir, welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt. Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?"

"Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einer
Schlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ich
kann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen die
Ueberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt."

"Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit! Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes, als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele finden?"

So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nach
Beendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten Forderung
Imgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifenden
Epidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. Größte
Vorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit früher
gehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge—so edelmütig ihre
Absichten auch seien—sich keiner Gefahr aussetzen.

Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte, hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.

* * * * *

Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichen
Eindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einem
Spaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von Imgjors
Hand auf seinem Schreibtisch. Er lautete: