"Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung, daß du dich vergaßest—" mahnte sie bittend.
Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war, bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt wurde.
"Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun, sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen, ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!"
"Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrer
Buße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte—ich bitte—und,
Imgjor, hörst du nicht?—Noch einmal—thu's mir zu Liebe, beuge dich
vor deinem Vater, mein liebes Kind!"
Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll aufrichtend:
"Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard!—"
Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen nunmehr das Blut.
Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke, preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte:
"Ja, eine Lavard! Aber—und nun sollst du es wissen—geboren von einer Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!"
Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus.—