"Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske—nämlich, daß Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt, daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des Schlosses gewiesen—aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen! Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist—"

"Nun, was ist er denn?" fiel Imgjor, deren Büste unter dem freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit funkelnden Augen heraus.

"Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit, sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen Wert zu prüfen."

"Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig vornehm ist es in der That—Sie mögen es hören!—zu horchen, und ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat. Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht, deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie, weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe!—Und daß Sie, mein Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem, dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!"

Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in seiner Hand zerknitterte.

Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte. Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:

"Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden, wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren. Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu drängen!—Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?"

"Weshalb—? Welchen Zweck soll das haben?"

"Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?"

Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: "Wohlan, ich bin bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen—was Sie aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin werden, geschweige mehr—"