"Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger, Komtesse?"

Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig, und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten Fuß ungeduldig den Fußboden berührte:

"Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird, daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!"

"Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung! Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt kurieren gegen Ihren Willen!"

Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.

* * * * *

Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen Empfindungen.

Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft leisten, weil sie—wie sie sich vorredete—nichts Halbes, sondern etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös, der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden.

Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.

Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm, Prestö folge.