Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen, die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die Beweise zu geben, daß er—ohne Zwang und Unrecht—frei sei.
Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen.
Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in stürmischer Aufwallung pochte.
Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann—dann—!
Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eine
Waffe fasse.
Sie wußte nicht, was geschehen werde—ihr grauste vor sich selbst.
Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich die
irrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete der
Tag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie an
Zeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben.
Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte, noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke, aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett.
Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper verlangte.—
Anders Axel.