"Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll—" hier flammte des Mädchens Auge begeistert auf—"auch ferner die leidende Menschheit sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein Vater ein Mann aus dem Volke, sank er,—einer von den Tausenden, welche Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten—, so will ich versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren, will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich, Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn—?"
Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:
"Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt, mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du ihn—ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet—"
Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen.
Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls verhindert, zu reden.
* * * * *
Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrer
Mutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen.
Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie, Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin begeben, und sah Imgjor dort sitzen.—
Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die Entscheidung kommen würde.
Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene
Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein.