Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus ihren Mitteln hergegeben.—

Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:

"Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden
Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?"

"O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein," entgegnete die alte Frau mit dankbarer Betonung. "Was ist es denn?"

"Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran finden—"

"Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott, wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben, dann möchte ich schon glauben—"

"Nun, meine gute Alte?"

"Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt gesandt, um die Menschen glücklich zu machen."

"Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte," entgegnete Imgjor mit einem trüben Lächeln. "Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen. Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.

Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde, dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der Nächstenliebe.