"Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?" stieß Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ frische Luft hereindringen.
"Was ist denn? Was ist denn?" tönte der Alten Stimme zurück.
"Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken können!"
"Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann die Maschine wohl zu hoch geschraubt—"
Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:
"Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?"
"Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so schreckliche Schmerzen in den Füßen."
"So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich fertig bin, mache ich mich daran!"
Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann, der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager.
Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.