"Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen—"
Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin:
"Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?"
Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten Ton:
"Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere
Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer
Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!"
* * * * *
Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten, welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem Zufall vertraut.
Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer Pflegebefohlenen.—
Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens.
Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß, unwillkürlich zurückprallte.