"Nun, meine liebe Imgjor," hub Lucile an und umarmte ihre Schwester sanft, "wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!"
In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.
Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur allzu unberechtigt gewesen.
Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl.
Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der
Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.
Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl.
Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer
Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.
Dann schob sie den Körper zurück und sagte: "Aus irgend einem Grunde habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden. Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren. Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren, was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!"
Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und bereitwillig.
"Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch—"