Plötzlich war alles anders geworden.

Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte
besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte.
Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche
Scepter geschwungen.

Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur ihr das geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete—verstärkte sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen.

Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen.

Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen sei.

Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden müßte.

Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren, in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen, sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des Menschengeistes.

Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür.

Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten. Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen, was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag.

Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins
Wohngemach.