Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben geredet habe.
"Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard, so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten, von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen, wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner Rechtfertigung—ich habe mich nicht zu rechtfertigen—sondern um meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin—ich wiederhole früher Gesagtes—vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding. Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug.—Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!"
Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt habe, sagte nach tiefem Atemholen:
"Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun, weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen—so will ich Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim! Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel davongetragen nur ihre Verachtung und—waren Sie ganz ein Schurke—ihren Haß!"
So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das Gemach.—
* * * * *
Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war, erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden Scene folgenden Tage zurückhielt.
Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung
geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die
Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem
Herbstsonnenschein.
Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin.
So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte, ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.