Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei, bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen.

Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein verächtlich überlegener Zug seine Lippen.

"Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet."

Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig. In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.

Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe, und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der ersten Zeilen.

Und da kam ihr ein Entschluß!

Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt.

Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick
Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen
Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor
und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann.

"Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und der Vernichtung meines Herzens!" brach's aus ihrem Munde hervor. "Füge der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue hinzu!—Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug, die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben, dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist, als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches, Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll, werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!"

Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.