Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saßen die Pastorin und
Hederich einander gegenüber.

Seit dem Vorerzählten waren fünf Monate verstrichen. Der Herbst war bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzählen und sehr viel zu hören.

Zunächst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm ihr Herz ausschüttete.

„Was mich am meisten beschäftigt und mich geradezu traurig gemacht hat, ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte, Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle. Aber sie! Doch nun hören Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war, die mir sogleich fünfhundert Mark für das von mir geplante Armenhaus in Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach Holzwerder geführt hatte, erzählte, daß mein Mann und ich von meinem Vermögen fünftausend Thaler als Grundlage für den Bau hergeben wollten, legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn, daß er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen möge.

Erst äußerte er nichts, ließ mich niedersitzen und guckte auf das
Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spöttischen Ausdruck:

‚Meine Schwiegermutter hat fünfhundert Mark gezeichnet? So — so — na ja, wer's lang hat, läßt's lang hängen! Ich kann höchstens hundert Thaler geben. Fast kein Tag geht vorüber, an dem nicht Ansprüche an mich herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der Antragsteller geben, müßte ich nachgerade auf Einnahmen für mich selbst verzichten.‘ — Er zählte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf, denen er angehöre, sprach von Erhöhung der Steuern und anderem und rief seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie beschwert sie seien. ‚Glauben Sie nur, daß es uns nicht so leicht gemacht ist, wie Sie meinen,‘ versicherte er. ‚Jeden Monat die Rente an meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen, Neubauten, die gemacht werden müssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!‘ Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern zurück: natürlich, es müßte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei Familien von den Einkünften von Holzwerder.

Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhören, und ich habe denn auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer größeren Gabe zu bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht selbst erzählt, daß sich dies Jahr ungemein günstig gestellt, daß das Gut noch nie so viel abgeworfen hat?“

„Ja, es ist richtig, sie haben schöne Einnahmen, und was sie sagen von der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkünften nicht gar so schlimm.

Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwächterposten ist eingezogen, seine Arbeit muß jetzt der Parkwächter mit besorgen; er kriegt aber nicht mehr dafür und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun weggefallen. Die beiden Kutscher müssen mit im Garten helfen, und die Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau giebt selbst aus, verschließt alles und macht Szenen, wenn zu viel gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafür nicht liefern könnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt.

Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Früher durften auch die Arbeitsleute nach dem Pflücken das letzte Obst abschütteln, das ist nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehölzen hat er durch Anschlag verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafür anzusetzen. Und nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel neue Fenster nötig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind und Regen hinein.