Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt und sagte:
„Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig, und wenn er Sie wirklich läßt — passen Sie auf — dann verlangt er womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum einen Bettel hin. Ich sag's — drum und dran — offen, wie ich's mein. Und erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm geschlossen?“
„Ja — a —, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof als sicher in Aussicht stellte. — Bitte vergessen Sie doch nicht, Hederich,“ schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes Kopfschütteln begegnete, „welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen, als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich. Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin ein Weib und habe Fleisch und Blut —“
Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein Vorgespräch darüber stattgefunden: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich. Nun ja denn — ich will's versuchen, so lange es geht,“ schloß sie, dumpf resigniert. „Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen bleiben, ‚er‘ mag sich von uns separieren.“
Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei.
„Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß aufgerafft,“ entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton. „Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte, daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere, statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen, brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte. Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn.“
Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort haben solle.
„Von Falsterhof? Von Theonie?“ Grete erbrach den Brief mit fieberhafter Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen, ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie vernichtet in den Sessel zurück.
* * * * *
Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte, zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme, Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit direkt oder indirekt für sich zu wirken.