„Nein?“

Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn, Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.

„Nein?“ wiederholte er. „Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun, was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?“

„Besser, Du hättest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wärme, aber ich mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres enthüllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in dieser Stunde geschehen, lötet doch kein Künstler wieder zusammen, und hätte er eines Gottes Hand. Hier!“ fuhr sie fort, knöpfte ihr Mieder auf und zog Papiere hervor. „Lies diese mir heute morgen von Theonie zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage. Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun höre und wisse: Als ich mich entschloß, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler, aber in ihnen zugleich Zeichen kräftiger Männlichkeit, die ich um so höher schätzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermißt hatte! Sie respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefühl, das ich selbst für Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt, sondern Ekel vor Dir. Gewiß, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie schlecht. Ich hasse die Lüge, die Unehrlichkeit, die Maske, die Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch diesen einen Blick in Deinen Charakter plötzlich die Binde von meinen Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt habe? Hattest Du denn je für mich ein ehrliches Gefühl? Nein, Du hattest nur Gefühl und Sinn für mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung über mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O — welche Meinung! Ich bin so beschämt, so bedrückt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern, daß der Tod mir eine Erlösung wäre. Nach reiner Luft schreie ich; wie verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphäre! Droben meine Mutter in Thränen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu — selbst Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir fördernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, daß ich so weit sank, daß mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand gesagt hätte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer hätte die Nachricht auf mich wirken können, als der Beweis, daß Du ein Fälscher bist.“ — —

Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zähne zusammenbissen, ging unruhig hin und her.

Dann aber raffte er sich auf, warf höhnisch den Kopf zurück und griff nach Theonies Schreiben. Es lautete:

‚Sehr geehrte Frau von Brecken!

Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, daß eine Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat. Ich habe sie nicht herbeigeführt, sondern er, und wenn er sich meiner höflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich die Erbangelegenheit zu ordnen, gefügt hätte, wenn er nicht abermals Schuld auf Schuld gehäuft und an den Tag gelegt hätte, daß seine Wandlung nur eine rein äußerliche geblieben, würde ich sicher das Eventualversprechen später in ein definitives verwandelt haben. Er aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses verbieten mußte, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und Verwandter, dem etwas zu gewähren ist, sondern wie einer, der etwas zu fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will.

Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklärte, daß er durch sein empörendes Verhalten ein für allemal jeden Anspruch verwirkt habe, spielte er eine widerwärtige Komödie und schob, statt seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein heißes Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhärtete völlig meinen Entschluß, das Tuch zwischen uns zu zerreißen.

Ich füge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein inständiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren. Aber ich will überdies, daß Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat, bedarf es zur richtigen Schätzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen.