„Grete von der Linden?“ setzte Tankred an, als ob ihm die Verhältnisse völlig fremd wären.
„Ja, sie ist die Besitzerin. Die alten Herrschaften leben aber auch auf dem Gut. Übrigens, da kommt grade das gnädige Fräulein mit ihrer Gesellschafterin her.“
In der That bogen zwei Frauengestalten um die Ecke, und Tankred sah eine schlank gewachsene, in gesunder, zarter Fülle prangende Blondine. Grete von der Linden, und eine etwas ältere Dame mit einem feinen, geistvollen, aber blassen Gesicht vor sich.
Es erfolgte eine Begrüßung, doch Tankred, dem plötzlich ein berechnender
Gedanke durch den Kopf schoß, beschränkte sich nicht allein auf diese
Artigkeit, sondern ließ sich von dem Verwalter Hederich vorstellen.
Bald nahmen alle den Weg tiefer in das Thal hinab, und ein lebhaftes
Gespräch entspann sich zwischen Tankred, der die ganze Kunst seiner
Verstellung aufbot, um der Fremden zu gefallen, und der letzteren,
welches damit endete, daß sie ihn einlud, baldigst auf Holzwerder einen
Besuch abzustatten.
„Meine Eltern,“ erklärte sie, „sind seit einigen Wochen verreist. Dies ist auch der Grund, weshalb sie sich nicht zum Begräbnis Ihrer Frau Tante eingefunden haben. Sie kehren aber heute abend zurück und werden sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen.“
Als dann an einer Wegbiegung Tankred den Fuchs, den er bisher hatte im Schritt gehen lassen, anhielt und Miene machte, sich zu verabschieden, ward er durch den etwas steifen und, wie ihm scheinen wollte, mißtrauischen Blick der Gesellschafterin betroffen, während ihm Hederich, der Verwalter, mit derber Zutraulichkeit die Hand schüttelte und bat, daß Tankred auch ihm bei seinem demnächstigen Besuch nicht vorbeigehen möge. — „Drum und dran — es wird mir eine große Ehre sein, wenn Sie bei nur eingucken möchten, Herr von Brecken.“
Und dann setzte Tankred, noch einen verlangenden Blick auf die leicht errötende Grete von der Linden werfend, sein Pferd in Trab.
„Ein eigenes Geschöpf,“ murmelte er im Weiterreiten. „Schön, sehr selbständig und — klug. Aber auch kalt! Sie hat etwas im Auge, das unnatürlich ist für ihr Alter. Nun, ich werde ja sehen — heute abend will ich Theonie einmal über sie ausfragen.“
Als Tankred mit schon sinkendem Abend nach Falsterhof zurückkehrte, fiel ihm auf, wie einsam, düster und abgeschlossen doch eigentlich der Besitz belegen war: Der Pächterhof weit ab, in dem großen Hause die wenigen Menschen, und außer ihnen nur in einem Katen neben dem Park der zwiefache Funktionen besorgende Kutscher und Gärtner Klaus.