Und den Mann überfiel's, daß einmal in der Nacht Unwillkommene ins Haus eindringen und stehlen und — morden könnten — ihn und Theonie —! Und bei dem Gedanken an Mord dachte er, wie es wohl werden würde, wenn man Theonie von fremder Hand erschlagen im Bette fände, wenn kein Glied der Breckenschen Familie mehr auf der Welt sei — außer ihm — —!?
Unter solchen Vorstellungen warf er dem herbeieilenden Klaus die Zügel des Fuchses zu, öffnete die Hausthür und trat, begleitet von dem impertinenten Klingelton und dem Bellen des „verfluchten Köters“ Max, dem er einen Fußtritt versetzte, in den Flur.
Die gnädige Frau hätten sich schon in ihr Zimmer zurückgezogen, sie lassen sich entschuldigen, erklärte Frege, und leuchtete Tankred zunächst in seine Gemächer und dann ins Speisezimmer, wo letzterer den Tisch für sich gedeckt fand.
Als er sich niederließ, fand er neben dem Kuwert einen Brief, dessen
Inhalt ihn nicht wenig in Erstaunen setzte und beschäftigte.
Aber während er ihn las, waren zwei Augen von denselben Platze aus auf ihn gerichtet, von dem er damals am Sterbeabend seiner Tante diese und Theonie beobachtet hatte, und diese Augen, die sonst so ruhig blickten, als ob sie durch nichts erregt werden könnten, als ob sie nur Sehvermögen besäßen für den einschränkten Wirkungskreis, der ihrem Besitzer angewiesen, funkelten drohend und schienen zu sagen: „Einer wacht über allem, was Du thust und thun wirst. Hüte Dich!“ Die Augen gehörten dem alten Frege.
* * * * *
Als sich Theonie und Tankred am nächsten Tage beim zweiten Frühstück zusammenfanden, — Theonie war beim ersten nicht erschienen, — brachte letzterer nach flüchtiger Erkundigung über ihr Befinden das Gespräch auf Grete von der Linden und die Familie von Tressen.
„Meine Eltern haben mit unsern Nachbarn nicht viel verkehrt; mit Tressens, die sich zudem meist in der Stadt aufhalten, fast gar nicht. Grete von der Linden kenne ich wenig; es heißt, daß sie herrschsüchtig und für ihre Jahre überreif sein soll. Ich fand sie immer auffallend schön und auch liebenswürdig, aber, wie gesagt, andere urteilen anders.“
„Und ihre Eltern?“
„Herr von Tressen ist ein Lebemann und jedenfalls ein sehr gutmütiger
Herr; aus Frau von Tressen ist eigentlich noch niemand klug geworden.
Sie gehört zu den Menschen, über deren wirkliches Wesen man sich
zeitlebens den Kopf zerbricht.