In einem Punkt gleicht sie ihrem Gatten durchaus, sie liebt Amüsement und Wohlleben, und das Wort Sparsamkeit steht nicht in ihrem Lexikon. So äußerte sich wiederholt meine Mutter, die übrigens Frau von Tressen trotz ihrer Fehler sehr schätzte und ihre ehrenwerten Gesinnungen lobte.“

„Weißt Du etwas von den Geldverhältnissen drüben?“

„Ja, man sagt, Herr von Tressen habe das ihm von seiner Frau mitgebrachte Vermögen bis auf den letzten Pfennig verthan, und beide lebten schon seit Jahren von Gretes Einkünften. Bis Grete ein bestimmtes Alter erreicht hatte, soll die Mutter auch testamentarisch Nutznießerin gewesen sein, seitdem aber keine Ansprüche mehr haben.“

„Ganz recht. Gleiches deutete schon der Verwalter Hederich an. — Wie beurteilt man ihn denn?“

„Man nennt ihn in der Umgegend ‚Drum und dran‘, weil er diese Worte stets an passender und unpassender Stelle gebraucht. Er ist ein einfacher aber sehr braver und von aller Welt geachteter Mann. Mein Vater hielt große Stücke auf ihn.“

Nun trat eine Pause ein. Tankred dachte darüber nach, wie geschäftsmäßig Theonie das alles gesprochen habe, wie kühl und temperamentlos sie nicht nur ihm begegne, sondern sich überhaupt gegen die Menschen zu verhalten scheine.

Ihn ergriff plötzlich das Verlangen, sie zu zwingen, sich ihm gegenüber wärmer zu geben, oder er wollte ihr durch Kränkungen vergelten, daß sie es wagte, ihn gleichsam wie Luft zu behandeln. Alles Schlechte stieg in dieser gemeinen Seele wechselnd auf. Nichts erboste ihn in seiner Eitelkeit so sehr, als daß andere Menschen ihn durchschauten. Er wollte, obgleich er die Selbsterkenntnis besaß, daß er keine Achtung verdiene, doch als Ehrenmann gelten, angesehen, bewundert werden. Aber während bei andern Menschen aus der Eitelkeit Ehrgeiz entspringt und sie zu Thaten anspornt, scheiterte Tankred von Brecken an seiner übermäßigen, mit Trägheit gepaarten Genuß- und Bequemlichkeitssucht. Mühelos materiell genießen, stand allein auf seiner Fahne geschrieben; um das zu erreichen, war ihm jedes Mittel recht.

Am Nachmittag desselben Tages erschienen in einem Einspänner der
Breckendorfer Pastor und seine Frau auf Falsterhof. Sie kamen, um
Theonie zu trösten und ihr Beileid nachträglich noch an den Tag zu
legen.

Der Mann war ein Kind an Einfalt und Herzensgüte. In dem bartlosen Gesicht glänzten unter einer großen, silbernen Brille ein Paar überaus freundlicher Augen, und auch ihm hatten die Leute einen Beinamen gegeben. Er wurde stets Pastor Ja, ja! genannt, weil er schwer nein sagen konnte und das Wörtchen ‚ja‘ fortwährend gebrauchte.

Sie dagegen war eine Frau von Energie, besaß Humor und Menschenkenntnis und trat, mit ihres Mannes Schwächen rechnend, sehr häufig handelnd für ihn ein.