Er predigte auf der Kanzel, sie aber war der eigentliche Pastor in der
Gemeinde, hörte die Leute an, riet, entschied und besorgte manche seiner
Geschäfte.
Neuerdings hatten sie, da sie kinderlos waren, ein Kind angenommen, und die freundlich gesinnten und schärfer beobachtenden Leute erzählten allerlei rührende Geschichten von Pastors und der kleinen Lene.
Nachdem der Kaffee eingenommen war, begaben sich die Herrschaften in den
Garten; Tankred bot dem Pastor eine Zigarre an und ging mit ihm, während
Theonie sich der Frau anschloß.
Als die Männer außer Hörweite waren, trat die Pastorin enger an Theonie heran und sagte, deutlich mit ihrer Frage eine besondere Absicht verratend:
„Bleibt Ihr Vetter auf Falsterhof, Frau Cromwell? Wird er künftig die
Wirtschaft leiten? Man sagt so in der Umgegend.“
„Das verhüte Gott!“ stieß Theonie herauf. Und „Nein, nein, keineswegs,“ fügte sie hinzu. „Ich bin alleinige Besitzerin von Falsterhof, und mein Vetter verläßt mich demnächst.“
„Ich fragte nicht aus Neugierde — sondern — aus — andern Gründen, liebe
Frau Cromwell,“ fuhr die Pastorin in warmem Tone fort.
„Nennen Sie mich doch wie früher, Theonie, ich bitte —“ fiel Theonie ein. Der schwermütige Zug in ihrem Gesicht verschwand, und ihr eigentliches Antlitz durchstrahlt von Güte und Menschlichkeit, kam zum Vorschein. Und „Ja, bitte — Sie wollten sagen?“ schloß sie.
„Hier!“ entgegnen die Pastorin entschlossen und zog aus der Tasche ihres
Kleides einen Brief hervor. „Dies fanden wir heut' mittag in meines
Mannes Briefkasten. Lesen Sie! Ich hatte keine Ruhe! Ich trieb meinen
guten Höppner, gleich anspannen zu lassen und mit mir Sie aufzusuchen.“
Theonie nahm das Schreiben aus der Pastorin Hand und las: