‚Da Sie die junge, gnädige Frau auf Falsterhof lieben und ihr wohlwollen, so helfen Sie und Ihre Frau mit Ihrem Einfluß, Herr Pastor, daß der Schurke, der sich bei ihr aufhält, daß Tankred von Brecken bald das Herrenhaus verläßt. Bleibt er, so geschieht etwas Schreckliches.

Das schreibt einer, der ihm nach seinen Beobachtungen das Schlechtere zutrauen darf.‘

„Wer kann das sein?“ stieß die Pastorin im Übereifer ihres Gefühls heraus, bevor Theonie noch zu Ende gelesen. Aber sie unterbrach sich, da sie sah, wie Theonie die Farbe wechselte, ja, daß Totenblässe auf ihre Wangen trat.

„Also Sie haben auch Veranlassung, ihm zu mißtrauen beste Theonie — liebe Frau Theonie? Schrecklich! — Bitte, eröffnen Sie sich mir. Und nehmen Sie meinen Rat an: Begeben Sie sich, sobald etwas vorliegt, nach Elsternhausen zu Ihrem Sachwalter, Justizrat Brix, und teilen ihm alles mit.“

„Ich kann nichts sagen — bis jetzt nichts sagen —“ gings zitternd aus
Theonies Munde, „aber mich beherrscht eine schier wahnsinnige Angst und
Unruhe. Ich fürchte mich namenlos vor dem Menschen, und was in des
Unbekannten Briefe steht, entspricht meinen eigenen Eindrücken.“

„Können Sie ihn denn nicht entfernen? Welche Rücksichten leiten Sie?“

„Keine! Aber er geht nicht und wird nicht gehen, trotz seiner Worte. Seit gestern trage ich mich mit dem Gedanken, ihm unter der Bedingung seiner Entfernung ein Kapital anzubieten. Ich sprach ihm auch schon davon, und er wich auch nicht grade aus, aber schien offenbar erst hören zu wollen, wie hoch die Summe sei. Ich scheue mich auch, ihm so unmittelbar nach dem Tode meiner Mutter die Thür zu weisen, zumal er mir bisher keinen direkten Anlaß gab, ihm kalt zu begegnen. Er that eben nichts, was man ihm vorwerfen könnte. Mich leiten nur die Kenntnis seines Vorlebens und mein Instinkt; und ein nicht zu beherrschendes Mißtrauen gegen ihn erfüllt mich. Aber sicher, er geht nicht. Gestern hat er Grete von der Linden kennen gelernt. Seine Fragen heute beim Frühstück scheinen darauf hinzudeuten, daß er Absichten auf sie hat. Schon das wird ihn veranlassen, hier zu bleiben. Ah! — ah — Wie werde ich die Last von meiner Seele los!“

„Haben Sie keine Ahnung, wer meinem Mann den Brief geschrieben haben kann?“

Theonie schüttelte den Kopf.

„Keine! Und das ängstigt mich nun auch! Doch still. Ich höre Ihren Mann und Tankred kommen! Bitte, lassen Sie mir den Brief. Er kann mir vielleicht nützen —“