Nun erscheinen die beiden Herren wieder. Der Pastor mit seinem harmlos freundlichen Gesicht, und Tankred daneben, geschmeidig, wenn er sprach, gelangweilt oder mit lauerndem Ausdruck in den Zügen, wenn er zuhörte und sich unbeobachtet glaubte.
Jetzt eben schien er sehr wenig angemutet. Der Pastor ließ sich über sein Töchterchen aus, über Lenes Vorzüge, und sagte mit seiner rollenden Stimme: „Die Kinderseelen sind noch rein und unverfälscht. Sie haben keine Hintergedanken, sondern geben sich, wie sie wirklich sind. Sie können, während wir ‚sie‘ zu erziehen suchen, ‚uns‘ ein Beispiel geben, nach dieser Richtung ein — Beispiel geben —“
Tankred fand diese Ausführungen eben so sentimental wie geschmacklos und zog gähnend den Mund.
Gleich aber glätteten sich seine Mienen wieder, und mit allerlei Artigkeiten und Liebenswürdigkeiten sprach er auf die Pastorin ein. Sie gehörte, wie er wußte, ebenfalls zu den Menschen, die ihn durchschauten, und da war's weise, den Versuch zu machen, ihr eine andere Meinung beizubringen. Auch fühlte Tankred instinktiv, daß die beiden Frauen von ihm gesprochen hatten, und er wollte den ungünstigen Eindruck, den die Pastorin etwa durch Theonie empfangen hatte, möglichst zu verwischen suchen. Es war ihm für seine Pläne von großem Wert, die Menschen ringsum für sich zu gewinnen.
„Nun? Bleiben Sie noch eine Weile auf Falsterhof, Herr von Brecken? oder verlassen Sie uns?“ hub die Pastorin mit Absicht an und forschte unbemerkt in seinen Mienen.
Aber Tankred wich aus und sagte, sich mit galanter Liebenswürdigkeit an
Theonie wendend und sie dadurch zwingend, ihm nicht zu widersprechen:
„Wenn meine sehr gütige Kousine die mir gegebene Erlaubnis nicht zurückzieht, werde ich noch eine Weile bleiben, bis ich eine Thätigkeit gefunden habe, nach der ich mich wirklich nachgrade sehne.“
„Ja, das Herumhocken ohne Beschäftigung ist niemandem gut, besonders nicht jungen Leuten,“ bestätigte die Pastorin derb und kurz, Brecken fest anschauend. „Na, aber nun wird's auch Zeit, zurückzukehren, lieber Höppner. Was meinst Du? Und haben wir denn nicht die Freude, Sie bald einmal bei uns zu sehen, liebe Theonie?“ schloß sie und schritt, deren Zustimmung einholend, mit der jungen Frau voran.
„Auch — Sie — erweisen uns — hoffentlich die Ehre, Herr von Brecken?“ ergänzte, seiner gewohnten Gutmütigkeit nachgebend, der Pastor, obgleich er wohl wußte, weshalb seine Frau Theonies Vetter nicht aufgefordert hatte. Er glaubte nie an die Schlechtigkeit der Menschen, redete immer zum guten und hatte auch heute hingeworfen, daß er auf anonyme Briefe nichts gebe, daß ihm Herr von Brecken sehr gut gefalle, und kein Grund vorhanden sei, ihm Übles zuzutrauen.
Nachdem die Gäste sich entfernt hatten, befiel Tankred das Verlangen, noch ein Stündchen ins Kirchdorf zu gehen und Bier zu trinken. Er hätte sich gern Höppners angeschlossen, aber kam doch von diesem Gedanken zurück, weil die Pastorin ihm wegen ihrer Gradheit sehr mißfallen hatte. Auch beim Abschied war sie ihm wieder sehr von oben herab begegnet, indem sie unter starker Betonung geäußert hatte, sie hoffe denn, daß er in kürzester Zeit eine Stellung erhalte, damit er die Lust an der Arbeit, welche letztere allein glücklich mache, nicht verliere. — Solche moralisierende Menschen waren ihm in den Tod zuwider.