„Ach — ah — Fräulein Carin!“ ging's stürmisch aus des Mannes Brust. „Ist's wahr? Ist's möglich? Sie könnten? — Sie wollten wirklich —?“
Und als sie nickte und das Antlitz senkte, da griff er nach ihren Händen, küßte sie und weinte und schluchzte und streichelte sie, dankbar wie ein Kind.
Sie aber schüttelte den Kopf und sagte, ihm ehrlich die Hand reichend:
„Nein, nicht so, Hederich. Ich habe zu danken, daß Sie das arme Mädchen ohne Heimat und Familie bei sich aufnehmen wollen, und seien Sie versichert, Sie sollen eine treue, gute Frau an mir finden!“
Die Sonne legte sich eben voll und glänzend über die Landschaft, aber selbst ihr heller Strahl schien dunkel gegen die Lichter, die über des Mannes Antlitz zogen.
„Fräulein Carin — Fräulein Carin!“ rief er selig, nahm sie in seine Arme und legte kindlich seinen runden, großen Kopf an ihre Brust. Sie aber ergriff mit beiden Händen des ehrlichen Menschen Haupt, zog es an sich und küßte ihn sanft auf den Mund. —
* * * * *
In Tankred von Brecken waren nach der Unterredung mit dem Justizrat Brix keinerlei Besorgnisse oder Zweifel aufgestiegen, sondern die Auseinandersetzung hatte sogar seine Zuversicht verstärkt. Er sagte sich einerseits, daß man ihm keine guten Worte geben würde, wenn man sich sicher fühlte und sein Entgegenkommen nicht brauchte, und anderseits schätzte er den Wert der gewonnenen Zeit. Einen Prozeß konnte er mit einiger Geschicklichkeit mindestens ein Jahr hinziehen, und während dessen würden seine Schwiegereltern, ohne jegliche Mittel zum Leben, weich und fügsam werden. Ihre sich immer mehr steigernden Verlegenheiten konnte er benutzen, um ihre Ansprüche möglichst herabzudrücken. Natürlich, am liebsten würde er sich seiner Verpflichtung ganz entzogen haben, aber da er selbst keineswegs überzeugt war, daß die richterliche Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen werde, so war ihm auch schon jede Herabminderung der monatlichen Rente willkommen.
Während seine Gedanken in solcher Weise hin- und hergingen, überfiel ihn der drängende Reiz, sich vor Augen zu führen, wie viel er überhaupt besitze, und nicht zum erstenmal öffnete er — immer mit derselben brennenden Gier — seinen Schreibtisch, zog Bücher und Schriftstücke hervor, rechnete und zählte und weidete seine Augen an den im Geldschrank niedergelegten Wertpapieren. Dann griff er nach einem Bogen Papier, ging jeden einzelnen Posten in den vor ihm liegenden Inventarverzeichnissen und Bilanzen durch und sann, wie er die Ausgaben noch mehr ermäßigen und die Einnahmen erhöhen könne.
Und dann plötzlich fiel es ihm auf die Seele, daß eine Zeit kommen werde, in der das alles nicht mehr sein Eigentum sein werde, in der er in eine ähnliche Lage geraten könne, wie jetzt seine Schwiegereltern. Und das regte ihn solchergestalt auf, daß er emporsprang und überdachte, ob er darin nicht doch eine Änderung herbei zu führen vermöge. Nein, es gab keine in dem gewöhnlichen Sinne. — Nur, wenn Gretes Kind stürbe, dann — dann — den Mann schauderte; es ergriff ihn, wie schon oft, ein Grausen vor sich selbst. Nicht die Vorstellung, daß Theonie und sein Sohn eines Tages sterben könnten, erregte sein Inneres, aber daß diesen beiden Leben ein gewaltsames Ende gemacht werden könne, das trieb ihm das Blut ans Herz. Daß doch immer solche Gedanken sich seiner wieder bemächtigten! Er floh auch heute vor ihnen; er schloß hastig seinen Schreibtisch, drehte den Schlüssel an dem Geldschrank ab und eilte, in der Sicherheit, daß draußen andere Eindrücke die ihn peinigend verfolgenden Gedanken verwischen würden, ins Freie.