„Nein, ich versichere Sie, sie weiß es nicht,“ schob Höppner, arglos den
Worten des Mannes nachgehend, ein. „Sie hat doch ein Schreiben von Ihnen
erhalten, dem zufolge Sie die Rentenzahlungen einstellen und Ihre
Schwiegereltern auf die Gerichte verweisen —“

„Ach, das sind ja blos Formsachen! Aber, wie gesagt, stehen Sie von einem Interventionsversuch ab, er kann doch nichts nützen, denn mit dem, was ich bieten könnte, würden sie ja doch“ — Brecken betonte seine wie beiläufig hingeworfenen Worte — „nicht zufrieden sein.“

„Man könnte doch hören!“ fiel Höppner eifrig ein. „Offen gesagt, Herr von Brecken, ich kam eigentlich nur, um Sie recht herzlich zu bitten, sich mit Ihren Schwiegereltern auszusöhnen. — Also, wie viel könnten Sie zahlen?“

Brecken zauderte jetzt doch, zu sprechen, obgleich er nicht mehr zweifelte, daß der Pastor von Tressens abgesandt sei. Brix hatte er anfänglich von der Hälfte, dann von einem Drittel geredet; jetzt wollte er ein Viertel bieten. Das schien ihm selbst zwar ungeheuerlich, aber er überwand sein Zaudern rasch und sagte:

„Mit fünf- bis sechshundert Mark werden sie nicht zufrieden sein, und das wäre schon das Äußerste.“

„Das ist ja nur der vierte Teil der abgemachten Summe, Herr von
Brecken!“ stieß Höppner erschrocken heraus und schüttelte in größter
Enttäuschung den Kopf.

Sodann legte er sich aufs Bitten und Zureden und suchte, als ob Rechts- und Vernunftgründe oder gar solche, bei denen das Herz mitsprach, bei Brecken hätten verfangen können, auch sonst alles, was etwa günstig auf ihn hätte wirken können, hervor und schloß mit den Worten:

„Der ewige Gott wird es Ihnen lohnen, Herr von Brecken, wenn Sie die
Hand zum Frieden und zu einer annehmbaren Verständigung bieten!“

„Der ewige Gott hat etwas anderes zu thun, als sich mit solchen Dingen zu befassen,“ entgegnete Brecken, brutal sprechend. „Nein, er mag seine Belohnungen behalten, und ich behalte mein Geld. Es ist mir schon lieber so! —“

„Herr von Brecken! Herr von Brecken!“ stieß Höppner, zum erstenmal die Devotion in Ton und Miene außer acht lassend, heraus und schüttelte den Kopf. „Sie werden es noch tief bereuen, so jeder Versöhnung aus dem Wege gegangen zu sein. Ja, tief bereuen; das sagt mir eine innere Stimme. Aber da Sie auf Ihrer Absicht beharren, so müssen Sie das mit sich selbst abmachen und mit dem, der über uns allen thront als ein Richter unserer Handlungen. Ich weiß, Sie glauben nicht an ein höheres Wesen; der Gottesbegriff ist für Sie nur eine menschliche Vorstellung. Sie stehen auf dem Standpunkt, der Zufall regiere das Schicksal der Gesamtheit der Menschen und jedes einzelnen. Aber das Leben mit allen seinen Erscheinungen lehrt das Gegenteil. Es giebt eine Vergeltung! Nicht umsonst hat die Natur ein Gewissen in unsere Brust gelegt. Nichts für ungut, aber ich möchte sowohl Ihnen wie unseren Freunden in Klementinenhof dienen; ich möchte Sie bewahren vor Reue und Seelenunruhe.“