Das Gehirn des Mannes arbeitete unermüdlich wie der Kolben einer Dampfmaschine. Vorbereitung zur That, Ausführung und Flucht waren bis ins kleinste überlegt; jeder Zufälligkeit war Rechnung getragen, für jedes gab es eine Auskunft, eine Antwort, einen Unterschlupf.

Und doch! Schon einmal war er dagewesen und hatte seine Sache so schlecht gemacht, daß er um eines Haares Breite erwischt wäre. An dem Hund, an der teuflischen Bestie, hatte es gelegen. Ja, wenn der überhaupt nicht da wäre, dann würde es ein Kinderspiel sein, Theonie Cromwell ein für allemal des Atems zu berauben. —

Endlich nach viertelstündigem Hin- und Herwandern war Brecken zu einem festen Entschluß gelangt. Ja, er wollte! Abermals auf halbem Wege stehen bleiben, hieß mit den quälerischen Gedanken von neuem beginnen, die Kosten, die durch seinen Fortgang von Holzwerder hervorgerufen waren, wegwerfen und die Hauptsache vergessen, daß nämlich Theonie weiterlebte, und er nichts anderes blieb als der Verwalter des Vermögens seines Sohnes.

Fast überhastig durchschritt er die Kastanienallee, nahm, bis zur Mitte angelangt, den bekannten Weg über das Feld in den Park und hielt erst inne, nachdem er vor dem Hinterhause angelangt war. Zunächst lauschte er aufmerksam, ob sich irgend etwas rühre.

Das letztemal hatte der Hund sich erst bemerkbar gemacht, als er den Flur betreten, aber sich dann so wütend gebärdet, daß er ihm nicht hatte beikommen können; sehr bald darauf waren auch die Hausbewohner wach geworden. Jetzt hatte Tankred von Brecken eine Schlinge zur Hand; er hatte sich geübt; mit einem Wurf konnte er das Tier unschädlich wachen. Der alte Frege hörte bei seiner Schwerhörigkeit sicher nichts; ein Knecht, den Theonie ins Haus genommen, schlief unten im Keller; das Mädchen und die Zofe fürchtete er nicht.

So trat Tankred denn an die Thür, steckte vorsichtig den Schlüssel ins Loch und drehte um. Nichts rührte sich! — Rasch entzündete er eine Blendlaterne — aber ein scharfer Stoßwind löschte sie wieder aus; auch ging's ihm plötzlich eisig über den Nacken, über den Rücken, durch alle Glieder, und er fühlte ein schier wahnsinniges Kitzeln unter der Haut. — Was war das? Sicher ein Nervenreiz, hervorgerufen durch die Kälte, durch die Aufregung; es werde eben so rasch wieder vorübergehen, wie es gekommen war. Doch nein! Zu dem Kitzeln gesellte sich eine furchtbare innere Angst, eine solche Angst, daß der Mann zunächst an nichts anderes dachte, als sich vor sich selbst zu retten. Er griff nach dem Schlüssel und rüttelte rücksichtslos an dem Schloß, als es sich nicht gleich lösen wollte. Und da knurrte es drinnen; der Hund schlug an wie damals; laut, schreckhaft, unheimlich klang's. Und das verschärfte die entsetzliche Bangigkeit und Unruhe, die Brecken ergriffen, und als ob Furien hinter ihm losgelassen seien, floh er durch den Park und aus dem Park über das Feld und erreichte stöhnend, keuchend, atemlos den Ort, an dem er vor kurzer Frist gestanden und sich schlüssig gemacht hatte.

Aber dies alles ließ nur blitzartig verschwindende Eindrücke zurück. Bis zur Verrücktheit jedoch quälte ihn das Kitzeln unter der Haut. — Ein Arzt! Wo fand er einen Arzt?! Der nächste wohnte in Elsterhausen. Aber jetzt bei nacht konnte er ihn doch nicht aufsuchen! — Und alle Welt nahm an, daß er sich im Süden aufhalte, und nun war er plötzlich da! — Weshalb? — Nein, das ging nicht. Er mußte zurück nach dem kleinen, westlich liegenden Ort L. und von dort nach Hamburg, wo er sich die letzten Tage aufgehalten hatte.

Zunächst aber war es nötig, die Nacht durchzumarschieren, um wieder dort einzutreffen. — So war denn abermals alles umsonst gewesen. — Alles umsonst!

Und immer entsetzlicher ward das Prickeln, und je mehr er kratzte, desto fürchterlicher ward es.

„Herr Gott im Himmel! Hilf! Was soll daraus werden?“