Wie? Er rief den Gott an, an den er nicht glaubte, den er bisher behandelt hatte wie ein Spielzeug?
Am Ende gab's doch ein höheres Wesen, das belohnte und strafte — am Ende gab's doch eine Vergeltung? War er bisher mit Blindheit geschlagen gewesen? Siegte doch das Gute, und ging das Böse unter — —?
Plötzlich, in der namenlosen Qual, erhob sich eine Stimme in ihm, die er zuletzt gehört hatte in seiner Knabenzeit, als er noch gut sein wollte, Fehler und Vergehen bereute, als noch ein ehrliches Streben ihn durchdrang, er an sich, an seine Umgebung, an die Menschen glaubte.
Ach, sie hatten ihm schon in seiner ersten Jugend die Illusionen genommen, mit seinem frühreifen Verstande hatte er durchschaut, wie gleichgültig er seinem Vater sei, wie wenig seine Mutter ihn liebte, wie berechnend, wie heuchlerisch die Menschen waren.
Und das Beispiel hatte auf ihn eingewirkt. Er hatte auch eine weiche Seele und ein für Eindrücke empfängliches Herz besessen, aber allmählich waren sie erstarrt. Es blieb nur Raum in ihm für Regungen, die auf sein sich immer widerwärtiger ausbildendes Ich Bezug hatten. Unterstützt durch eine robuste Gesundheit und durch das ihn begleitende Glück war er einhergegangen, als könne nie ein Wechsel eintreten; nicht einmal der Gedanke an die Möglichkeit einer Änderung war ihm gekommen. Er sah, was in der Welt um ihn her vorging, aber was Schlimmes geschah, das stieß eben anderen zu, und nicht ihm. — Nun aber fühlte er sich plötzlich betroffen. Wie wohl die Heilung eines solchen Leidens vor sich ging? Nie hatte er von ihm gehört. — War's schon die Strafe des Himmels für seine Schlechtigkeiten? Aber bis jetzt hatte er sich doch nur mit Absichten getragen, noch war sein Inneres nicht mit einem Mord belastet. — Mord? Wie das klang! Entsetzliches Wort! — Wie? Hatte er wirklich Theonie töten wollen? — Plötzlich griff der Mann sich an die Brust, als ob ein anderes Wesen in ihn eingezogen sei. — Und dann begann wieder das rasende Kitzeln, und er hätte sich am liebsten nackt im Schnee gewälzt, um die Feuerpein los zu werden. Einmal brüllte er auf durch die Nacht, er warf den Blick empor zu den Sternen. Ob's auch droben so arme, gepeinigte Kreaturen gab? Wie's dort wohl aussah —?
Sterben, sterben, nicht mehr leben! Was nützten nun Holzwerder und Geld und Besitz, was Falsterhof und Erbschaft?! Befreit zu werden von dieser Krankheit, dafür wollte der Mann alles hingeben!
So klein, so demütig ward er im Verlauf der Stunden, in denen er wie ein Rasender dahin jagte, daß er begann, allen alles abzubitten, seinen Schwiegereltern, Grete, Carin, Hederich, und wie sie alle heißen mochten. Er wollte mit ihnen in Frieden leben, er wollte sich bescheiden, gut werden! Aus den Wirkungen des Schmerzes, der Furcht und der Feigheit schälte sich zum erstenmal etwas heraus, das seinem besseren Gefühle entsproß. Das kalte Herz erhielt allmählich wieder Leben.
Ob's wohl anhielt? Ob's nicht wieder verdorrte, wenn die Schmerzen gewichen waren? Er dachte selbst darüber nach. Nein! Die Mahnung war nicht umsonst gewesen; sie kam ihm vom Himmel! Er glaubte jetzt an Gott, er hätte niederstürzen können auf die schneebedeckte Flur und den Schöpfer anbeten.
Und nun allmählich wich auch ein wenig das entsetzliche Kitzeln; der Schweiß, in den er geraten war durch das Laufen und die Seelenangst, öffnete die Poren und besänftigte den Reiz.
Wie der Mann aufatmete, aber wie auch wieder die Gedanken sich veränderten! Welcher Schwächling er doch war, gleich zu verzagen! Es war sicher nichts von Bedeutung. Vielleicht war's völlig vorüber, wenn er L. erreichte. Und was dann? Ja, was dann —?