Der Inspektor bat um Verhaltungsmaßregeln; er wußte nicht, was er thun sollte, und fühlte sich erleichtert, als Frau von Tressen ihm erklärte, sie werde selbst die Zeilen beantworten und auch alle Maßnahmen treffen.
Und so geschah es; die energische Frau schrieb sogleich mit fester Hand an ihren Schwiegersohn:
‚Die Zeilen, welche Sie an Herrn Peter Wille gerichtet haben, sind von demselben meinem Manne, der sich, wie ich selbst, auf Holzwerder befindet, übergeben worden. Da wir erst dadurch in den Besitz Ihrer jetzigen Adresse gelangt sind, unterblieb bisher die Mitteilung, daß wir unser kleines, durch schlechte Pflege äußerst vernachlässigtes, fast an seinem Leben bedrohtes Enkelkind zu uns genommen und auch die Verwaltung von Holzwerder, an welchem wir Ihnen alle Rechte abstreiten, angetreten haben. Ferner zur Nachricht, daß unser bisheriges Bankhaus in Elsterhausen von uns beauftragt worden ist, einlaufende Gelder zwar wie früher in Empfang zu nehmen, aber lediglich zur Verfügung des Gerichts zu halten und fortan Zahlungen an niemanden, auch an Sie nicht mehr zu leisten.
Ergebenst
A. von Tressen.‘
„So!“ rief Frau von Tressen, nachdem sie diese Zeilen mit Bewilligung ihres Mannes einem Diener zur Besorgung übergeben hatte. „Nun werden wir mit Ruhe abwarten, was geschieht. Morgen hat er bereits den Brief. Von übermorgen ab können wir uns auf seinen Besuch gefaßt machen. Aber alle Leute sind genau instruiert; auf den Hof wird man ihn, kommt er durch das Thor, nicht lassen, und tritt er durch den Park ins Haus, so werden ihm unsere Dienstboten die erforderlichen Erklärungen geben. Aber passe auf, er wird nichts gegen uns unternehmen.“
„Wer weiß!“ fiel Herr von Tressen ein. „Daß er sich nicht in gleicher Weise fügen wird, wie seinerzeit wir es gethan, ist sicher. Ich glaube doch, daß er irgend etwas Gewaltthätiges inszenieren wird.“
„Gewaltthätiges? Nein! Dazu ist er zu feige. Daß ihm vielleicht solche Gedanken kommen, bezweifle ich nicht, aber Dinge, bei denen es sich um mehr handelt, als um schiefe Gesichter, faßt er nicht an. Wohl aber halte ich es für möglich, daß er sich einmal wieder an Theonie heranmacht, klagt und lamentiert und ohne Rücksicht auf alles Vorgefallene eine seiner Komödien in Szene setzt. Da fällt mir ein: ich will Theonie lieber in Kenntnis setzen, daß er aus Italien zurück ist. Ich weiß, sie trifft dann Maßregeln, daß er sich ihr nicht zu nähern vermag.“
Frau von Tressen ward unterbrochen, weil eben aus dem Nebenzimmer die klagende Stimme des Kleinen drang. Als sie aber das Gemach betrat, streckte der Knabe die Arme aus und rief jauchzend ein unbehülflich klingendes „Omama!“
Da nahm die Frau das Kind in die Arme und küßte es in dem Überquellen ihrer glückseligen Empfindungen lang und zärtlich.