Nachdem Frau von Tressen in solcher Weise die Einleitung zu ihren mit so kühner Entschlossenheit gefaßten Plänen getroffen, griff sie in gleich entschiedener Weise auch in die übrigen Verhältnisse ein und brachte es nach wenigen Wochen dahin, daß der Umzug bewirkt war, und sie und ihr Mann sich in alter Weise in Holzwerder eingewohnt hatten.
Mehrere von Tankred entlassene, aber Tressens aus früherer Zeit ergebene
Leute wurden wieder angestellt, und namentlich ward auch am Hofthor ein
Wächter postiert, der alles, was aufs Gut kam, einer genauen Kontrolle
unterwerfen mußte. Hof, Garten und Gebäude wurden, so weit die
Witterung es erlaubte, und es gegenwärtig bereits von Wert war, in einen
würdigen Zustand zurück versetzt, und endlich griff auch Frau von
Tressen in dem zwischen Brix und ihr verabredeten Sinne in die
Gutsgeschäfte ein.
Durch diese alles umgestaltende und neue Verhältnisse anstrebende Thätigkeit stellte sich bei Frau von Tressen die alte Lebensfreudigkeit und Zuversicht wieder ein, ja, sie schien sich auch auf ihre Umgebung zu übertragen, denn der Kleine erholte sich zusehends, und Herr von Tressen befand sich infolge der ihm durch das Landleben aufgezwungenen einfachen Lebensweise wohler und kräftiger als seit vielen Jahren.
Als Tressens zum erstenmale Hederichs, Höppners und Theonie wieder bei sich in Holzwerder sahen, feierten sie den Tag wie einen Festtag, und die Gedanken an Brecken, der seit Wochen nichts von sich hatte hören lassen, traten allmählich ganz zurück. Was konnte er machen? Klagen? Arrest beantragen? Wohl! Sie warteten das Ergebnis ab.
Würde der Richter einem die Gesundheit und das Eigentum seines Kindes vernachlässigenden Manne, einem Menschen, der sich durch Fälschung in Besitz von Rechten gesetzt hatte, solche von neuem bestätigen? Schwerlich! Die Zeugnisse waren niederdrückender Natur, zum Teil unanfechtbar. Von ihnen unterstützt, hatte Brix inzwischen die Eingabe an das Gericht abgehen lassen.
Ganz mit Herzen und Gedanken bei ihren Freunden waren während dieser
Zeit Höppners, Hederich und Carin. Sie legten eine Teilnahme an den
Tag, als sei ihnen selbst ein großes Glück zugefallen; Hederich fühlte
sich auch schon wieder als Verwalter auf Holzwerder, und Frau von
Tressen that nichts die Gutsangelegenheiten betreffendes, ohne seinen
Rat einzuholen. Mit Bewunderung sah er, wie sie alles angriff, wie die
Energie, die sie durch den furchtbaren Schmerz über Gretes Tod verloren
hatte, zurückgekehrt war.
Mit tiefem Kummer aber erfüllte die Freunde das Aussehen und Wesen Theonies. Ihr Inneres, man sah es, war schwer krank, in ihren Mienen lag ein so herzzerreißender Ausdruck von Verzicht auf Glück und Lebensfreude, daß Carin, die mit ganzer Seele an Theonie hing, sich über die bei der letzten Begegnung empfangenen Eindrücke gar nicht zu beruhigen vermochte. —
Es war gegen Ende der Woche in der Frühe, als der Inspektor in sehr aufgeregter Stimmung bei Tressens anklopfte und den Herrschaften einen von Tankred eingetroffenen Brief überreichte.
In diesem gab der Schreiber seinem Befremden darüber Ausdruck, daß ihm keine Berichte mehr zugegangen seien, weder von dem Inspektor, noch von der Haushälterin. Er verlangte solche umgehend und fügte hinzu, daß er ehestens nach Holzwerder zurückzukehren gedenke. Durch Krankheit sei er gezwungen worden, den Süden zu verlassen und sich nach Hamburg zu begeben. Es folgten dann noch einzelne Fragen, und am Schlusse hieß es:
‚Melden Sie mir auch etwas von Frau Cromwell auf Falsterhof und von Tressens, und lassen Sie Frau Born sogleich telegraphieren, — das Wort war, weil der Schreiber vielleicht die größeren Kosten scheute, nachträglich ausgestrichen, und statt dessen ‚schreiben‘ gesetzt, — wie es dem Kleinen geht.‘