Noch einmal traten die Freunde vor ihrem Fortgang an Theonies Sarg, drückten Blumen in die Hand der Entschlafenen und trafen dann Vorbereitungen zur Abfahrt.
Als sie bereits in der Thür standen und den letzten Händedruck austauschten, fragte Frau von Tressen die Pastorin nach Lene. Sie habe, wie sie gehört, ihr Kummer gemacht. Aber die Fragende begegnete zu ihrer Überraschung keiner bedrückten Miene, sondern die Pastorin neigte mit leuchtenden Augen den Kopf und sagte: „Ach, es ist ja ein herziges Ding! Sie hat so tief bereut, daß mir die Seele schmolz. Sie kam unaufgefordert zu mir, legte ihr Köpfchen an meine Schulter und bettelte, daß ich ihr verzeihen möchte.“
Sie hatte nach diesem Bericht über Lene auch keine Zeit mehr, die lebhafte Frau Pastorin. Sie drängte ihren Mann, zu dem Stall zu eilen und nach dem Wagen zu sehen, und er that mit seinem gutmütigen Gesicht, was sie wollte.
Durch das Gespräch über Lene ward auch Frau von Tressen an den kleinen Tankred erinnert, und Unruhe und Sehnsucht nach ihrem Enkel erfaßten sie.
Als beim Nachhausefahren zwischen dem Hederichschen Ehepaar die Rede auf die Liebe der Frauen zu den Kindern kam, nahm der Gatte sein blühend aussehendes junges Weib in die Arme und flüsterte zärtlich neckend: „Aber mein kleines Frauchen, — drum und dran — mag keine Kinder —!“ Da senkte die Frau mit unbeschreiblichem Blick ihre Augen, und er las in ihren Mienen die Glückseligkeit, die sie durchströmte über das, was auch ihr bevorstand. —
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Es war Spätabend. Abermals ein furchtbares Gewitter — gleichsam ein Kampf der mächtig nach Verjüngung ringenden Natur — durchtobte den Himmel, und meilenweit leuchtende Blitze erhellten auch das Hotelzimmer, in dem der vor einigen Tagen krank nach L. zurückgekehrte, unter dem Namen ‚von Kaub‘ in das Fremdenbuch eingeschriebene Gast gebettet war.
Ärztliche Hülfe war von ihm zurückgewiesen. Er hatte einen Barbier angenommen, der ihm einen Verband auf seine durch einen Fall verletzte linke Schulter legen und nach Bedarf erneuern mußte. Es sei eine sehr böse Sache, eine schwere Knochenzersplitterung hatte der Barbier auf die Frage des Wirtes erklärt, und viele Wochen würde es dauern, ehe der Kranke das Zimmer wieder verlassen könne.
Unten im Hotel hatte eben der letzte Gast das links belegene Restaurant verlassen, auch sämtliche Fremde hatten sich bereits zur Ruhe begeben, und der Besitzer war gerade im Begriff, sich nun auch schlafen zu legen, als noch an die Hausthür geklopft ward, und der Barbier, an dem verschlafenen Hausdiener vorüberschreitend, in sichtlicher Erregung das Gastzimmer betrat.
„Nun?“ machte Helms, der Wirt, ein mittelgroßer Mann, der mit seinem zwischen englischen Bartkoteletts überaus glattrasierten Kinn und der übertrieben sorgfältig gehaltenen Kleidung den Eindruck hervorrief, als ob er sofort als Schauspieler in einer Bühnenrolle aufzutreten habe, verwundert und nicht eben angeheimelt.