„Donnerwetter!“ sagte Helms, den jetzt auch die bisherige Ruhe verließ.
Und er kam auch gleich zu einem festen Entschluß. Einen solchen Menschen im Hause zu haben, war unheimlich, ja, so unheimlich, daß er sogleich mit Bartsch überlegte, ob sie nicht noch in dieser Nacht polizeiliche Anzeige erstatten und veranlassen sollten, daß eine Wache vor die Stubenthür und vors Haus gestellt werde. Ja, ja! Es war zweifellos, ganz zweifellos! Verletzung in der Schulter oder im Rückgrat, scharfknochiges, bartloses Gesicht, unruhige, aber kalte Augen, sehr weiße Zähne, große, nervige, geschmeidige Gestalt und zudem der Anzug! Jedes Stück stimmte bis auf den zweireihigen, graugelben Überzieher. Und ganz in der Frühe war er angekommen, verstört, totenbleich, mit Fieber und Schmerzen, und hatte eine unwahrscheinliche Geschichte erzählt, daß er gefallen sei und sich an den Treppenstufen verletzt habe.
Wo war er die Nacht gewesen, woher kam er? Und zu Fuß —! Während die beiden noch zusammen überlegten, ertönte plötzlich ein Donnerschlag von solcher Vehemenz, daß die Erde zu beben schien, und sie unwillkürlich zusammenfuhren; aber auch fast unmittelbar darauf ward eine Klingel oben im Hause in Bewegung gesetzt, und der rasch herbeigerufene Hausknecht erklärte, es komme von Nr. 7, aus dem Zimmer des Herrn von Kaub.
Die beiden Männer sahen sich an. Wer sollte hinaufgehen? Ein Anflug von Grauen erfaßte sie. Von dem Mord hatten sie schon tags vorher gelesen, und nun war's so gut wie erwiesen, daß der Thäter oben im Hotel lag. — Entsetzlich! — Endlich gingen sie beide. — —
Als sie das Zimmer öffneten, bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick dar. Der Kranke saß aufrecht im Bett und brüllte, man möge gleich den Donner abstellen, gleich, oder er werde anders auftreten! Er könne das nicht aushalten, auch das Blitzen nicht. Und dunkel solle es gemacht werden, aber Licht wolle er am Bett haben. Und die Mäuse und Ratten sollten nicht an den Wänden kriechen und — und —
Der Schaum stand ihm vor dem Munde. Mit der Rechten kratzte er sich wie ein Verzweifelter und schrie und tobte, er könne es vor Kitzeln nicht aushalten! Und dazwischen kreischte er, daß die Frau, die Frau Theonie mit dem grausigen Gesicht und den toten Augen fortgeschafft werde. —
Fürchterlich! Wahnsinn, Fieber, Delirium, Körper- und Seelenschmerzen wirkten zusammen in dem Unglücklichen!
Und was die Anwesenden sagten, hörte er nicht, er wußte schon nicht mehr, daß sie da waren. In den kurzen Augenblicken, wo das Deliriumfieber aussetzte, sah er sie an, als ob sich ihm Henker genähert hätten, und dann brüllte er wieder so markerschütternd auf, daß sie, wie von Furien verfolgt, davoneilten und sich kaum Zeit ließen, die Thür von außen zu verschließen. —
Nun war's ihnen, als ob der Kranke aufgestanden sei, als ob er im Zimmer auf und ab tobe, und einen Moment schwankten sie wieder. Pflicht, Furcht, Schrecken und Machtlosigkeit kämpften in ihnen. Aber dann gab's einen schnellen Entschluß, und Helms eilte nebenan zum Physikus, und Bartsch auf die Polizei, trotz Donner, Blitz und Unwetter, das, statt abzunehmen, sich noch verstärkt hatte, als ob alle Himmel droben gegeneinander in Aufruhr geraten seien — —
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