Herr von Tressen warf eben noch einen prüfenden Blick auf die heute reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete.
„Bitte, sehr angenehm! Führe Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und benachrichtige die gnädige Frau.“
Tankred schaute sich mit prüfendem Auge in dem Raume um, in den ihn der Diener geführt hatte. Eine große Eleganz trat ihm entgegen. An den Wänden hingen wertvolle Gemälde, die Polstermöbel waren mit Seide bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Wände in Weiß und Gold gemalt.
Und nun öffnete sich die Thür, und Frau von Tressen, eine ungewöhnlich stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender Liebenswürdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein anregendes Gespräch, an dem kurz darauf auch die übrigen Hausbewohner teilnahmen.
Herr von Tressen war ein starker Fünfziger, dem man die Spuren einer flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtäußeres war, durch eine gewählte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem Major außer Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen starken Schnurrbart.
Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid an, das vollendet saß, und ihren schlank geformten Hals umschloß ein kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Züge waren auch heute kalt, solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund öffnete, und ein Lächeln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz.
Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen.
Halb freimütig, halb zurückhaltend, stets von ausgesucht zarter
Artigkeit, niemals mit Beifall zurückhaltend, immer seine Worte wägend,
verstand er es, durch sein Komödienspiel alle, bis auf die
Gesellschaftsdame, Fräulein Helge, zu täuschen.
Die letztere blieb nicht nur zurückhaltend gegen ihn, sondern legte sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch für die übrigen erkennbar machten, daß sie ihn zu brüskieren trachte, aber Tankred mit seinem scharfen Spürsinn wußte, daß sie sich gegen ihn auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe.
Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluß auszuüben. Tankred bemerkte sogar einmal, daß etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke fast erschreckte. In der Seele dieses Mädchens war nichts Nachgiebiges, sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehörte sie nicht zu den vielen sanftmütig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden jungen Geschöpfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich den später eintretenden Enttäuschungen geduldig fügten.