„Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier, bitte — vorläufig,“ — entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine, die sich in ihrer Börse befanden, „für weiteres werde ich sorgen.“
Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten, wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er, wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu unterdrücken.
„Nun — lebe wohl,“ — sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher Unruhe. — „Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er wird Dir das Nötige mitteilen.“
Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß:
„Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch.“
Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse, zurück:
„Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst.“
Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des
Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck.
Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein
zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:
„Nein, ich muß nicht und will nicht!“ drang wie ein Gewitter aus seinem Munde. „Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden, aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld, das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte, weil ich es gleich gebrauchte und —“ hier schob Tankred einen berechnenden Satz ein — „auch für meine Abreise desselben bedürftig war, den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war.“
Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte, pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm entgegen: