„So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen, unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte, daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen, wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein.“
Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf Jahren an der Hand, in die Thür trat.
„Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?“ rief die Frau glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.
Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber gehaltenen Garten.
Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er ihn!
Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend und gehorsam.
Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit
denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes
Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder
Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:
„Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel für ein Mädchen in den Jahren?“ Und Theonie pflichtete lächelnd bei, obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht fand.
Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl. Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben — glücklich zu sein — ja — glücklich zu sein!
Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die
Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und
Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere
Überzeugung sich fortreißen zu lassen.