Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:
‚Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat, diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen versehen.
Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe, dazu in keiner Weise.‘
In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck, und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft, daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde.
Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts! Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande, weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.
Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.
Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles, was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang viel, die Reisen und sonstiger Luxus.
Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin.
Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare
Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem
Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte
Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte.
Hm! hm! — Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab. Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las schließlich, was vor ihm lag: