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Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu sehen. „Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?“ hatte sie in einem starken Gefühlsdrange gefragt. „Ich kann ohne Dich nicht sein. Liebst Du mich weniger, als ich Dich?“

Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht zu sprechen.

Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe, den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin, hoffnungslos darnieder liege. Die „Person“ war ihm in der Seele zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.

Als er den Hof erreichte, — es war gegen vier Uhr nachmittags, und er wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach Elsterhausen zurückkehren, — sah er Frege gerade mit langsamen Schritten ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen, finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild. Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren, kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem ausgebreitet.

Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu, löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war, selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher.

Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:

‚Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben, nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.‘

Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen, steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward —!

‚Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen war.