Tankred hatte schreckliche Fäuste, — er zerbrach mit den Fingern einen eisernen Ring, — er hatte fürchterliche Backenknochen, er besaß die herkulischen Schultern eines Einbrechers, er hatte in unbewachten Momenten die Augen eines Raubvogels.
Mitten in ihren Gedanken schnellte Theonie empor und begab sich mit einer gewissen Hast in das Privatzimmer ihrer Mutter, schloß hinter sich die Thür in dem düsteren Raum und öffnete die Pultschublade der Verstorbenen. Sie wollte das, wie sie wußte, hier liegende Testament ihres Vaters an sich nehmen. Eine plötzliche Unruhe und Angst, daß es von Tankred beiseite gebracht werden könne, daß es gar schon von ihm aus der Schublade entfernt sei, hatte sie ergriffen.
Mit zitternden Händen und fliegendem Atem suchte sie. Als sie das Dokument nicht gleich fand, stockte ihr Herzblut, ihr war, als sei ihre Furcht schon bestätigt, und wie von einer schrecklichen Last befreit, hob sich ihre Brust, als sie endlich in einem der Fächer neben anderen wichtigen Papieren das Gesuchte fand.
‚Mein letzter Wille‘ lasen ihre sich rasch verschleiernden Augen. Mit den Schriftzügen ihres verdorbenen Vaters traten auch seine Gestalt und sein Wesen vor ihre Seele, und eine namenlose Sehnsucht nach dem Dahingeschiedenen bemächtigte sich ihrer.
Ihr Blick durchstreifte das Gemach und ging weiter in das Wohnzimmer. Dort an dem Tisch hatte er mit seinem freundlichen Gesicht gesessen, und neben ihm die Unvergeßliche, der Theonie nun eben das letzte Geleit gegeben. Ihr Leben, viele Einzelheiten ihrer Jugendzeit, die letzten Jahre, auch die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann traten in ihr Gedächtnis, und abermals kam's über sie wie Gewitterschwüle. Angst und Grauen bemächtigten sich ihrer Seele und ließen sie nicht.
Der sie sonst anheimelnde, eigene Duft der Räume, der Geruch von verwelktem Reseda und Rosen legte sich ihr schwer und atembeklemmend auf die Brust, und als nun die Thürglocke anschlug, und der Hund, der immer bellte, wenn Tankred ins Haus trat, sich laut rührte, als sie wußte, daß er eben den Flur beschritten, raffte sie, als habe sie ein Verbrechen begangen, das Testament an sich, versteckte es mit hastiger Bewegung unter ihrem Mieder und schloß rasch das Pult.
Dann setzte sie sich aufrecht und horchte gespannt. — Nichts — Tankred schien sich in den Garten begeben, seine Gemächer nicht betreten zu haben.
Nachdem sie noch eine Weile zaudernd dagesessen, gingen ihre Blicke bald auf die Thür, bald auf das nach dem Park sich öffnende Fenster. Und als sie nun eben zum zweitenmal dorthin schaute, mehr unwillkürlich als bewußt, schrie sie auf, denn sie sah den scharfknochigen Kopf ihres Vetters mit luchsartig gespannten Augen ins Zimmer spähen und sie beobachten. Freilich verschwand sein Gesicht mit Zauberschnelle, als ihre Blicke sich mit allen Zeichen des Schreckens auf ihn richteten; doch als sie, entschlossen aufspringend, hinausschaute, um sich zu vergewissern, ob es Wirklichkeit oder nur ein Bild ihrer Phantasie gewesen, lagen der kleine Rasenfleck und der Graben mit den hohen Brennnesseln wie immer einsam und menschenleer vor ihr. Nun schloß sie die Thür des Kabinets auf, eilte die Treppe zu ihren Gemächern empor und machte sich, nachdem sie einigermaßen ihre Ruhe zurückgewonnen, an die Durchsicht des Testaments. —
Theonie war groß und schlank, fast ein wenig zart gebaut, besaß sehr schöne, regelmäßige Züge, weiße Hände und schmale Füße und jenes Zurückhaltende in der Erscheinung und im Wesen, das die Männer reizt, in das Innere einer Frau einzudringen, und sie zu Versuchen anstachelt, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hatte jenes Unpersönliche in ihrem Blick und in ihrer Art, das leicht zu dem Schluß gelangen läßt, der damit Behaftete sei nur mit sich beschäftigt, interesselos und hochmütig oder so sehr durch anderes abgelenkt, daß vorliegende Dinge ihn nicht fesseln. Aber oft ruht grade unter solcher Oberfläche Feuer und Leidenschaft; diese Gleichgültigkeit ist dann der Schleier, den man vorlegt, um unter ihm besser beobachten zu können; vielfach ist's auch ein Produkt der Erziehung, welche Zurückhaltung als ein Gebot der Schicklichkeit hinstellt, oder ein angeborener Mangel an Gefallsucht. Das letztere war bei Theonie der Fall.
Sie besaß eine durchaus reine Seele, aber sie war nicht eben biegsam, und ihre eigentliche Natur hatte sich nach der kräftigeren, selbstbewußteren Seite hin bisher nur einmal bethätigen können, und zwar nach dem Tode ihres Mannes.