Bis dahin war ihr Leben so ruhig, aber auch so ernst verlaufen, wie sie selbst erschien. Ihr Vater hatte an der Scholle gehangen, in seinem Willen und Wünschen ging ihre verstorbene Mutter auf; gleichmäßig dahinfließendes, von Aufregung freies und kaum durch Zerstreuungen unterbrochenes Dasein war aus eigener Neigung beider Eltern Teil gewesen, und was sie selbst nicht empfunden und geschätzt, dafür hatten sie auch bei Theonie keine Neigung vorausgesetzt.
Den Tod ihres Schwiegersohns hatten sie wohl ehrlich beklagt, aber die
Freude, ihre Tochter dadurch wieder gewonnen zu haben, überwog bald den
Schmerz und machte sie weniger empfindlich für die Trauer, die Theonie
um so mehr durchdrang, als sie mit dem Verlust ihres Gatten auch die
Aussicht und Hoffnung auf ein abwechslungreicheres, fröhlicheres und der
Welt mehr zugewandtes Leben begrub.
Daß sie fernerhin wieder auf Falsterhof leben und hier sterben werde, stand für sie außer Frage. Das Glück, das ihr kurze Zeit gelächelt, hatte sie schnell wieder verlassen, denn daß sie noch einmal einen Mann lieben könnte, hielt sie für undenkbar. —
Als die Mittagsglocke nach alter Weise ertönte, war Theonie eben mit dem
Durchsehen des Testaments fertig und ging nun hinab, nun hinab, um im
Gartenzimmer mit Tankred das Diner einzunehmen.
Als sie in die Thür trat, schritt ihr Vetter mit dem Ausdruck tiefer Teilname auf sie zu und drückte wortlos einen Kuß auf ihre Hand. Sie litt es nur halb; bei seiner Berührung war's ihr, als ob ein böses Tier sich ihr genähert habe, und nur mit Aufbietung ihres ganzen Willens vermochte sie, ihm unbefangen zu begegnen.
„Ich fuhr nicht mit Dir zusammen vom Kirchhof zurück, Theonie,“ hub Tankred, nachdem er sich niedergelassen, an, „weil Pastor Höppner noch den Wunsch hatte, mich zu sprechen. Als ich an den Wagen eilen wollte, um Dir dies mitzuteilen, warst Du schon fort. Aber vielleicht wünschtest Du auch allein zu fahren?“
Die letzten Worte sprach Tankred mit Berechnung, und in sein Auge trat trotz seiner gefügigen Mienen ein lauernder Ausdruck. Er wußte seit seinem ersten Eintritt ins Haus, wie Theonie zu ihm stand; nur der Wunsch, daß es anders sein möge, verwischte bisweilen sein klares Urteil. So war es auch heute.
„Ja,“ erwiderte Theonie mit denselben fast unbeweglichen Ernst, mit dem sie ihm begegnet war seit dem Beginn der Krankheit ihrer Mutter, „ich hatte allerdings das Bedürfnis, mich abzuschließen, und hätte Dich sogar gebeten, mich allein fahren zu lassen.“
Er nickte und besann sich. Dann sagte er, ihrer stummen Frage, ob er mehr Suppe begehre, durch Hinreichen des Tellers entsprechend, einschmeichelnd: „Ich bin also beruhigt, Theonie. Freilich würde ich glücklicher sein, wenn Du den Wunsch gehabt hättest, in meiner Nähe zu sein. Ich hätte dann doch einmal empfunden, daß Du ein etwas warmes Gefühl für mich besitzest.“
„Nein, ich besitze es nicht!“ gab die Frau ehrlich zurück.