Nie war Theonie ihrem Vetter bisher so begegnet. Wohl war sie ihm stets ausgewichen, aber über ihre Lippen war noch keine Silbe gedrungen, die auf Freundschaft oder Abneigung hätte schließen lassen können.
Ihn erschreckte deshalb ihre Offenheit nicht wenig, und er horchte gespannt auf. Wollte sie fortan aus ihrer stummen Abwehr heraustreten? Wollte sie rasch und ohne Rücksicht das Band zwischen sich und ihm durchschneiden? Er mußte es wissen, es drängte ihn heiß, und statt ihre Worte zu umgehen oder etwa in leichter Weise darauf zu antworten, sagte er unvermittelt: „Weshalb hassest Du mich, Theonie? An dem Begräbnistage Deiner Mutter sei einmal aufrichtig gegen mich. Vielleicht gelingt es mir doch, Dir eine bessere Meinung von mir beizubringen.“
Sie gab keine Antwort, sie benutzte das Eintreten Freges, des Dieners, und sagte mit dem gehobenen Ton, mit dem man dem Alten bei seiner Schwerhörigkeit begegnen mußte:
„Es fehlt ein Löffel, Frege! Auch bringen Sie eine Flasche Wein.“ —
Als der Diener gegangen, sah sie ihres Vetters Auge auf sich gerichtet mit jenem Blick, der zur Rede auffordert, und senkte das ihrige.
„Nun? Du willst mir nicht antworten, Theonie?“
Jetzt begegnete sie einem schreckenerregenden Ausdruck in seinem Gesicht; deutlicher Haß spiegelte sich in seinen Mienen, obschon er sie rasch wieder glättete.
Da ging's durch ihr Inneres, ob's nicht, um zum Ziel zu gelangen, klüger sei, sich auch zu verstellen, wie er es that. Eine nicht zu bannende Furcht kam über sie; so sehr lag sie unter dem Druck ihrer bangen Ahnungen, daß sie aufatmete, als Frege wieder ins Zimmer trat und zunächst den Löffel brachte. Sobald sich die Thür hinter ihm geschlossen, sagte Theonie, vorsichtig jedes Wort wägend, aber auch die Gelegenheit ergreifend, ihren Vetter über ihre Absichten nicht im Unklaren zu lassen:
„Den Haß, von dem Du sprichst, habe ich keine Ursache, gegen Dich zu empfinden. Da wir aber sehr verschiedene Naturen sind, werden wir uns, glaube ich, nie recht verstehen und deshalb besser thun, von einander zu bleiben.
Ich werde nicht vergessen, daß Du mein Verwandter bist, und werde die sich daraus ergebenden Rücksichten so lange gegen Dich üben, wie Du sie mir erweisest. Hoffentlich ist Dir das Schicksal auf Deinem späteren Lebenswege günstig, und Du bedarfst meiner hinfort nicht. Sollte es aber doch früher oder später der Fall sein, so sprich Dich gegen mich aus. Ich werde Deine Wünsche zu erfüllen suchen, sofern sie meine Kräfte und die Grenzen, die ich nur stecken muß, nicht überschreiten.“