„Nun ja, Mama,“ entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: „Ich finde es, ehrlich gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren vermögen, — ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt, — und dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen, scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau, was wir können und wollen!“
Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt ward.
Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen Verbrauchs wolle sie geben.
Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden
Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:
„Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind, behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht fand als am Herzen seiner Mutter! — Nicht wahr, Grete, Du versprichst mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt wieder!“
Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der
Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten
Entschlüssen zugleich.
„Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die Deine, — verzeih die Erwähnung, — und sorgfältig vorher prüfe, so liegt doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten.“
Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu handeln.
Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.
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