Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:
„Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die
Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!“
Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn verlangte.
Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: „Was meinst Du? Findest Du nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas einzuschränken wünsche?“
Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich.
Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten anknüpfen konnte.
Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten überschüttet hatte, erwiderte er:
„Wäre es nicht überhaupt am besten, die Akte, wenn solche überhaupt nötig ist, — Mißtrauen können Deine Eltern doch nicht in uns setzen! — so zu fassen, daß wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen Jahreserträgnisse zu überweisen, so lange beide leben, die Hälfte des Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wäre es nicht andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?“
Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend ihrer nüchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches Spekulieren auf eine sehr große Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger an. Bis jetzt sträubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus Rücksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite abzugewinnen, und sagte lächelnd:
„Da können wir ebenso gut die Forderung stellen, daß die Spatzen auf den Dächern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfügung stellen. — Ich meine,“ fügte sie, selbst gestört durch die Ironie und den Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: „Auf diese Erklärung können wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muß ich Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mußt, um Deine Zustimmung auszudrücken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat, mag ich es ihr nicht abschlagen.“