„Kommen Sie, ich möchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!“ sagte sie und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls geöffnetes und erleuchtetes Kabinet.
Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm für die in seiner Hand befindliche, unangezündete Havannazigarre Feuer aufgedrängt und sich neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort:
„Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte sie? Sprach sie über mich?“
„Drum und dran. — Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fräulein —“
„So — o, also doch!“ machte Grete langgezogen, „bitte, sagen Sie mir alles. Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den Inhalt des Gesprächs rückhaltlos mitteilen wollten.“
„Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?“ schob Hederich, sich in seiner platten Weise ausdrückend, eigentlich nur um sich zu sammeln, ein. „Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt —?“
Grete schüttelte den Kopf. „Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit meinen Verlobten geredet, und da — da — fürchte ich doch, daß sich noch allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich möchte nun gern wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also bitte, erzählen Sie.“
Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er faßte die Hand des schönen, jungen Geschöpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und das die Arme so oft zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und sagte:
„Hören Sie, liebe Grete — liebes Fräulein Grete. Ich möchte Sie, bevor wir weiter sprechen, einmal erinnern dürfen an vergangene Zeiten. Ich bin Ihr alter Freund, — Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute halten — ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama. Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich, aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders, — und da drängt es mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses auch in Zukunft stört. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und Ihren Bräutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen, erziehen und glücklich machen könnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren schon erwachsenen Söhnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas zuzuwenden — es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen fertig bringen! Aber die Kinder, — die Kinder!? Es ist wahr, was in der Bibel steht!
Sie aber, Fräulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten nicht zu denen gehören. Gewiß, Sie sind einmal nicht weichmütig, der liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines Mädchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Äpfel, und sprachen davon, daß man es brauchen könnte. Aber es giebt etwas, das Anständigkeit in der Gesinnung heißt, — drum und dran — mißverstehen Sie mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern hier in Holzwerder die Wohnung lassen.