Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie könnte es nicht überleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes Fräulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer, wenn man so zusammenhockt, — gewiß, — aber bei jedem Menschen ist etwas, was er wohl anders haben möchte, und — und — ich glaube auch, Ihre Mama wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn Sie gesehen hätten, wie bedrückt sie war —“
Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie aus Erfahrung nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte.
Sie drückte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast schwermütig:
„Es ist mir oft so, als wäre mein Herz geteilt, und die beiden Hälften gehörten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefühl, und alles, was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich fühle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin.
Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis, — daß ich sie wohl doch nicht so geliebt habe, wie ich glaubte, — aber ich schämte mich meiner Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ängstige mich bisweilen. — Ich glaube — ich glaube —“
„Nun?“ setzte Hederich, weich sprechend, an.
Das Mädchen richtete sich höher empor, sah Hederich fest in die Augen und sagte, die Stimme dämpfend: „Ja, ich glaube eigentlich, daß ich hätte einen Mann haben müssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz hat, nicht mir so ganz ähnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin, mache ich Pläne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will, — zwar nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich — und wenn ich ihn dann höre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz andere Stimmen in mir.
Nicht wahr, Sie sagen niemandem, daß ich je so mit Ihnen sprach, Hederich! Sie aber sollen doch sehen, daß ich nicht so herzlos bin, — schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der Nachbarschaft; ja, ja, ich weiß wohl, wie sie über mich urteilen, — also, daß ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens über mich zu entschlagen.“
„Sie sagten eben,“ knüpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein Funke, glühte plötzlich in ihm empor, „daß Sie fühlen, Sie müßten einen weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heißt das, drum und dran, daß Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch Zeit ist. Ich bitte, ich beschwöre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne sprechen, sind kurz, — nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und wenn man dann nicht zu einander paßt, möchte man alles hingeben, um wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte.“
Es flog durch den Körper des Mädchens, als ob ein Schauder sie erfaßte; sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den Fußboden.