In Palembang führte mein Spazierweg meistens am Fischmarkt vorbei, vorüber am grausigen Anblick lebend umherliegender Fische jeder Art und in Massen aufgehäufter abgehauener Fischköpfe, und an den Häusern und Magazinen der Großhändler hin bis zu einer alten Moschee, immer parallel mit dem Flusse, und von da rechtwinklig landeinwärts, und schon hier begann die typische Mischung von Dorfleben und Buschwildnis. Schönes kleines Rindvieh weidet überall, kreuzt sorglos die Fahrstraße und ist sehr zutraulich. Auf der Straße geht zu manchen Stunden ein starker Verkehr, Fußgänger und Lastträger, sehr viele Zweiräder, Ponywagen und auch schon Automobile. Zehn Meter davon, im dichten Busch, ist man in vollkommener Urwildnis, von Eichhörnchen und Vögeln in Menge umschwärmt, von Affen beknurrt und gelegentlich durch ungeheure, zum Teile giftige Tausendfüßler und Skorpione erschreckt. Wer sich auskennt, kann hier auch häufig Tigerspuren finden.

Nirgends aber kann man hundert Meter gehen, ohne auf Gräber zu stoßen. Überwachsen und vergessen liegen überall die Malayen- und Arabergräber, den unseren ganz ähnlich, die neueren mit welken Grasbüscheln geschmückt, die von den Mohammedanern am Freitag dort niedergelegt werden. Manchmal ist eine kleine Begräbnisstätte von einer Mauer umgeben, deren Portal mit edlem Bogen und fein profilierten Pfeilern, von hohen Gräsern umwachsen und von riesigen Bäumen überhangen, schattig und vereinsamt in seiner romantischen Verwahrlosung steht, so schön und nobel wie nur irgendein feiner stiller Ruinenwinkel in Italien.

Dazwischen kommt immer wieder, riesig und mit großen goldenen Buchstaben an den Pfeilern leuchtend, ein Chinesengrab, eine ummauerte Halbkreisterrasse am Abhang von fünf, zehn, zwanzig Metern Durchmesser, je nach Bedeutung und Reichtum des Beerdigten, in der schön emporgeschweiften Mauer blau und golden die Inschriften, das Ganze kostbar, feierlich und schön wie alles Chinesenwerk, ein wenig kühl und leer vielleicht, und überall rechts und links darum her und in den Lüften darüber aufgeschossen dicke Busch- und Baumwirre.

Manche von den mohammedanischen Grabanlagen werden früheren Sultanen zugeschrieben, dort sind einige der Mauerportale so schön und in sich abgewogen wie die allerbeste Renaissance. Man ist erstaunt, das auf Sumatra zu finden, aber man erstaunt noch mehr, wenn man hört, daß eine verschwommene alte Palembanger Sage behauptet, hier liege Alexander der Große begraben. Bis hierher sei er gekommen und hier sei er gestorben. Mir fiel dabei das Gespräch ein, das ein Freund von mir in Italien am Trasimener See mit einem Fischer hatte. Der Fischer erzählte Ungeheuerliches von der blutigen Schlacht, die hier vor langen Zeiten der große General Hannibal geschlagen habe, und als mein Freund weiter fragte, gegen wen denn Hannibal damals gefochten habe, wurde der Mann unsicher, meinte dann aber ziemlich bestimmt, es werde wohl Garibaldi gewesen sein.

Bei den Gräbern vor Palembang habe ich schöne wunderliche Stunden hingebracht, allein in dem krausen grünen Busch, von den großen Schillerfaltern umflogen, auf die vielen Rufe der Waldtiere und die wilden, phantastischen Gesänge großer Insekten horchend. Ich saß ausruhend und von der Hitze erschöpft auf den niederen Mauern der Chinesengräber, die so groß und fest und reich gebaut sind und doch vom wilden Leben und Wachstum dieses Bodens alle bald überholt, bezwungen und zugedeckt werden. Ich wurde von schwarzen und weißen Ziegen und von kleinen, sanften, rotbraunen Kühen besucht und betrachtet, oder von Rast haltenden Affen still beäugt, oder von umherschwärmenden Malayenkindern mit Scheu und Neugierde umringt. Ich kannte nur wenige von den Bäumen und Tieren, die ich um mich sah, mit Namen, ich konnte die chinesischen Inschriften nicht lesen und konnte mit den Kindern nur zehn Worte reden, aber ich habe mich nirgendwo in der Fremde so unfremd und so von der Selbstverständlichkeit und vom klaren Fluß alles Lebens umschlossen gefühlt wie hier.

Maras

Wer eine Zeitlang in Palembang war und auf der Rückseite des Hotel Nieukerk nach dem schwärzlichen Kanälchen hinaus gewohnt hat, vom Gestank und von den Moskitos verfolgt und ohne die Möglichkeit in reinem Wasser zu baden, der verfällt schließlich einem brennenden Verlangen nach Abreise, einerlei wohin, und beginnt die Stunden bis zum nächsten Schiffstermin zu zählen. Seit einem Monat ohne Post, fiebernd von Schlaflosigkeit, ermüdet vom Leben der sonderbaren Stadt, von der Hitze und dem Mangel an Bädern erschlafft, hatte ich mir einen Platz auf dem chinesischen Dampfer „Maras“ bestellt, der am Freitag früh ankommen und im Laufe des Sonnabends wieder nach Singapur abgehen sollte, und nun lag ich hoffend unterm Moskitonetz und wartete den Freitag Morgen ab. Zu lesen hatte ich längst nichts mehr, meine große Kiste stand in Singapur, die Nachrichten von Hause blieben Woche um Woche aus, ich konnte nichts tun, als mich täglich in der Stadt herumtreiben, bis ich ermüdet war, und dann viele Stunden liegen und warten, im Notizbuch blättern und malayische Vokabeln lernen. Aber nun war ein Schiff in Aussicht, noch einen Tag oder zwei, dann würde ich abfahren können, und bald würde, wie tröstliche Erfahrungen uns lehren, alles Widerwärtige dieser Tage in der Erinnerung einschrumpfen und vergehen und nur das viele Schöne, Bunte, freudig Erlebte bleiben.

Allein der Freitag Morgen und auch der Nachmittag verging, ohne daß der „Maras“ kam, auch während der Nacht zum Sonnabend lauschte ich vergeblich alle die vielen Stunden lang auf das Pfeifen eines einlaufenden Schiffes, und der ganze Sonnabend verging ebenso, und erst am Sonntagmorgen kam die Nachricht, es sei nun da und wenn es nicht zu viel regne, werde man vielleicht morgen abfahren.

Am Sonntag war ich von früh bis abends auf dem Flusse unterwegs. Ich hatte mich einer Krokodiljagd angeschlossen und saß mit einem schweren alten holländischen Militärgewehr auf den Knien, die Augen von der Hitze und dem Sonnenreflex des Stromes brennend, im kleinen Boot auf der Lauer. Aber an solchen Tagen hat man kein Glück; wir kamen nie zum Schuß und mußten bei dem viel zu hohen Wasserstande froh sein, daß wir wenigstens einige Krokodile zu sehen bekommen hatten.

Einerlei, morgen ging mein Schiff, und dann konnten mir alle Krokodile von Sumatra –. Bei der Rückkehr nach der Stadt erfuhr ich, der „Maras“ würde vielleicht morgen früh abfahren, vielleicht auch nachmittags oder abends, und ich packte meine Koffer mit suggestiver Gründlichkeit und Liebe. Der „Maras“, der am Morgen nicht gefahren war, fuhr auch am Nachmittag nicht, aber es wurde mir mitgeteilt, ich könnte abends an Bord gehen und müsse spätestens um zehn Uhr da sein, wenn ich mitreisen wolle.