An mir sollte es nicht fehlen, ich fuhr um neun Uhr durch die dicke Nacht (wir haben ja in Europa gar keine Ahnung von richtiger Nachtfinsternis!) nach dem Schiff, suchte und fand in der laternenlosen Dunkelheit tastend über fremde Boote und schlafende Ruderkulis hinweg für mich und mein Gepäck einen Weg zur unbeleuchteten Falltreppe und turnte hoffnungsvoll empor. Das Schiff war stark geladen, die Innenräume alle voll Yeloton und Baumwolle, aber es lagen noch zwanzig und mehr Lastboote voll Rottang beim Schiff, und so wurde weiter geladen, hundert Kulis schwärmten auf dem überfüllten dunkeln Deck, wo ich über Kisten und Balken klettern mußte, und wenn sie einer von den wenigen Laternen nahe kamen, glänzten ihre nackten, gelben, schweißbedeckten Körper warm aus dem finsteren Getümmel.
Es war ein holländischer Kapitän da und ich bekam eine Kabine, aber sie war so heiß wie ein Dampfbad und als ich die Stiefel auszog, merkte ich alsbald die Ursache: der Fußboden war von den benachbarten Heizräumen her so heiß, daß mir die Sohlen schmerzten. Die Luke war ein wenig größer als das Zifferblatt einer Taschenuhr. Dagegen war ein elektrischer Ventilator und elektrisches Licht da, die aber seit Jahren nicht mehr funktionierten, und der Raum wurde durch eine kleine rußende Erdölampel erleuchtet.
Von einer Stunde zur andern wurde die Abfahrt erwartet und verheißen, ich blieb bis nach ein Uhr steif vor Müdigkeit auf einem Stuhl am Oberdeck sitzen und schaute betäubt aus geschwollenen Augen in das Schiff, ging dann in die Kabine und legte mich nieder, hörte den Schweiß in schweren Tropfen von meiner herabhängenden Hand zu Boden fallen, stand wieder auf und rauchte eine Zigarre draußen im Regen zwischen den Kulis, irrte im dunkeln Schiff umher, fiel über Schlafende, warf einen Käfig mit lebenden Affen um, stieß mich an Kistenecken und fand mich bei Tagesanbruch zerstört und erschöpft an Oberdeck wieder.
Früh um sechs Uhr hatte ich noch niemals in meinem Leben Bordeaux getrunken und starke indische Zigarren geraucht. Heute tat ich es, und nun kann ich schon wieder fast ohne Schmerzen und Anstrengung die Augen offen halten.
Jetzt, wo ich diese Notizen aufschreibe, fährt das Schiff. Es fährt seit einer Stunde, seit Mittag, und ich täte gern irgend etwas anderes als schreiben, wenn das nicht eben das einzige wäre, was mir übrig bleibt. Die Kabine ist unmöglich, mehr als ein Stuhl steht mir an Deck nicht zur Verfügung, und höre ich mit Schreiben auf, so kommt der Kapitän und will mich in eine Unterhaltung ziehen. Er ist ein sympathischer Mann und hat seine Frau mit an Bord. Sie wohnen am Oberdeck in der Kapitänskabine. Er hat eine ungeheure Briefmarkensammlung und einen räudigen chinesischen Hund, der leider untreu ist und sich zu mir hält, und die Frau hat fünf junge Katzen und zehn oder elf Singvögel in Käfigen. Außerdem haben wir vier lebendige Affen (dieselben, die ich in der Nacht umgeworfen habe) an Bord, von denen der kleinste ganz zahm ist und sich von mir anfassen und streicheln läßt. Leider stinken sie teuflisch.
Wir fahren langsam flußabwärts und werden abends die See erreichen und vielleicht in etwa 32 Stunden in Singapur sein.
Nachtrag am Abend ... Ich nehme alles zurück. Als ich zu schreiben aufhörte, ward ich von niemand belästigt, vielmehr zu einem recht guten Mittagessen aufgefordert. Nachher machte mir die Kapitänsfrau vorn am Oberdeck ein Feldbett zurecht, wo ich zwei Stunden ruhen konnte. Da sah alles gleich wieder besser aus. Der chinesische Hund ist, glaube ich, nicht räudig; er hat nur, wie ja fast alle Hunde in den Tropen, den Haarschwund, wird von hinten her kahl, was schade ist, denn er muß früher, den Resten nach zu schätzen, ein ganz hübscher rotblonder Kerl gewesen sein. Die Kabinenluke ist beinahe so groß wie das Zifferblatt einer bescheidenen Wanduhr; die Taschenuhr war eine Übertreibung.
Ich habe mich tüchtig eingeseift und mit Flußwasser begossen, das erste frische Bad seit zehn Tagen! Nun kann ich wieder ohne Mühe aus den Augen sehen. Es ist abends fünf Uhr und schon dämmerig, wir sind in der weiten Flußmündung angekommen, vor uns liegt hellgelb das seichte Meer, der Pilot arbeitet am Steuer und kann uns nun bald verlassen. Gegenüber steht mit langen hohen Bergketten schön und ganz tiefblau die Insel Banca.
Nachtrag nachts zehn Uhr ... Der Hund ist doch räudig, die Berührung mit ihm hat mich zwei von meinen kostbaren Sublimatpastillen gekostet. Außer ihm, den Katzen, Vögeln und Affen sind noch zwei Gürteltiere, ein Stachelschwein und ein junger schöner Jaguar an Bord, alle lebend. Sie sind in Käfige gesperrt, aber sie haben weit mehr Luft als ich in meiner Kabine. Das Abendessen war sehr gesellig, die Kapitänin besitzt ein großes, heftig wirkendes Grammophon, das wurde mir zur Ehre losgelassen, Dollarprinzessin und Caruso. Alle Europäer in den Tropen haben Grammophone, und so bin ich denn schon vor der Rückkehr nach Singapur wieder von der operettenhaften Atmosphäre umgeben, die mir seit dem Betreten des Lloydschiffes in Genua als das Charakteristikum des Europäerlebens im Osten erscheint.