Eines Tages nämlich, um die Zeit der Ostern, vermutlich im Jahre 1334, erblickte er [pg 22] in einer Kirche zu Neapel die Dame, welche sein Herz zu Lust und Pein von da an jahrelang gefangen hielt. Diese war Donna Maria, die natürliche Tochter des Königs Robert, welche für eine Tochter des Grafen von Aquino galt und mit einem angesehenen Edelmann vermählt war. Die schöne und vornehme Dame betrachtete bald auch von ihrer Seite den hübschen jungen Florentiner mit Teilnahme und ist eine lange Zeit, nicht ohne Gewissensbisse und Furcht vor ihrem Eheherrn, seine Geliebte gewesen. So genoss, wie in der schönsten Abenteuernovelle, der Bastard eines kleinen Kaufmanns die Tochter eines grossen Königs.
Über alledem liess Boccaccio das kanonische Recht unbehelligt in den Pergamentrollen schlummern und vom Lehrstuhl ertönen. Er trieb nach seiner Neigung Latein und Astrologie, im übrigen wandte er sich der heiteren Seite des Lebens zu und ward nach Kräften seiner Jugend froh. Er verfasste in diesen Jahren, zumeist für seine Geliebte, eine unglaubliche Menge von Gedichten und mehrere Romane, von welchen [pg 23] heute niemand mehr redet. In diesen legte er seiner Dame den Namen Fiammetta bei, und noch manche Jahre später hat er in wehmütiger Liebeserinnerung diesen Namen einer von den Damen des Dekameron gegeben. Ohne Zweifel ist jene Zeit die heiterste und glücklichste in seinem Leben gewesen. Allein wie wir sehen, dass auch den goldensten Tagen zu früh die Sonne sinkt, so nahm auch diese Lust zu ihrer Zeit ein Ende.
Im Jahre 1341 befahl der Vater seinem Sohne, nach Florenz zurückzukehren, und nach längerem Zögern machte dieser sich unmutig auf den Heimweg. Der Alte, für den Giovanni ohnehin keine allzu starke Zärtlichkeit empfand, hatte inzwischen auch noch eine gewisse Monna Bice Bostichi geheiratet, worüber der heimkehrende Sohn nicht eben erfreut war. Es geschahen jedoch weit schlimmere und wichtigere Dinge, über welchen er diese kleineren Sorgen vergass. Es war die Zeit, in welcher der in Florenz so übel beleumdete Herr Gautier von Brienne, genannt Herzog von Athen, sich für eine kurze Zeit zum Tyrannen der Stadt emporschwang. [pg 24] Dieser war ein frecher Abenteurer und hatte im Solde der Republik gegen Pisa gedient, warf sich nun aber mit Hilfe des niedrigsten Pöbels zum Herrscher auf und schlürfte die Monate seiner Herrlichkeit zügellos wie ein Trunkener den letzten Becher. Die Stadt und das ganze Staatswesen drohten in Trümmer zu gehen.
Boccaccio, ein unbestechlicher Republikaner, hat das Schicksal des Herzogs von Athen, der mit Schimpf von der Bürgerschaft vertrieben wurde, in einer Abhandlung beschrieben. Nun schienen ihm allmählich die Zustände in Florenz und im väterlichen Hause so wenig erträglich, dass er schon im Jahre 1344 von neuem nach Neapel ging. Die Rechtsgelehrtheit hatte er schon früher aufgegeben. Und so genau er auch im Dekameron die Pest in Florenz geschildert hat, ist er zurzeit derselben doch nicht daselbst gewesen, sondern in Neapel, wo freilich der schwarze Tod nicht weniger grauenhaft wütete. Es starb damals auch seine Geliebte Maria, und er widmete ihrem Tode zwar einige trauernde Verse, jedoch war seine [pg 25] ursprünglich so heftige Leidenschaft mit den Jahren erloschen. Es scheint ausserdem, als habe Donna Maria ihn schon früher wieder fahren lassen, obwohl er in seiner Erzählung „Fiammetta“ das Gegenteil darstellt. Nicht lange darauf starb auch sein Vater, und er musste wieder nach Florenz zurückkehren.
Von da an erblicken wir sein Bild verändert; sein Leben verlief ohne heftige Erschütterungen, und er alterte als ein tüchtiger und angesehener Bürger. Im Alter von ungefähr 40 Jahren schrieb er sein unsterbliches Dekameron, und man könnte glauben, er habe alle seine Schalkhaftigkeit und fröhlich lachende Untugend darin liegen lassen. Nur noch einmal widerfuhr ihm eine bittere Liebesgeschichte. Er verliebte sich heftig in eine vornehme Witwe, welche ihm aber einen bösen Possen spielte. Nämlich sie stellte sich, als wäre sie geneigt, die Wünsche des Dichters zu erfüllen, und benutzte alsdann die erste Gelegenheit, ihm eine Nase zu drehen und ihn unter dem Hohngelächter all ihrer Bekannten und Freunde kläglich heimzuschicken. Das war Boccaccios letzte Liebe.
[pg 26] Im übrigen, da der Vater ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte, lebte er als ein stillgewordener Mann und widmete sich allerlei gelehrten Studien. Den Griechen Leontius Pilatus hatte er, um seine Sprache zu lernen, über zwei Jahre lang bei sich im Hause. Öfters übernahm er im Dienste der Stadt politische Aufträge und Ambassaden, unter anderem besuchte er dreimal als Gesandter den Papsthof zu Avignon. Mit grossem Eifer forschte er dem Leben und den Schriften des Dante nach, den er ungemein verehrte. Mit dem etwas älteren Petrarca, welcher damals von sich selber und von jedermann für den grössten lebenden Dichter gehalten wurde, pflegte er eine edle und herzliche Freundschaft und war untröstlich, als dieser im Jahre 1374 starb.
Aber das Leben dieses merkwürdigen Mannes, dessen Anfang ein Abenteuer und dessen erste Hälfte ein Hymnus der Liebe zu sein scheinen, verwandelte sich zum Schlusse noch in eine fromme Posse. Noch als ein rüstiger Mann hatte er das Dekameron geschrieben, welches bald auf schalkhafte, bald [pg 27] auf leidenschaftliche Art dem Dienste schöner Frauen huldigt und über Mönche und Priester unerschöpflichen Hohn ergiesst. Nicht gar viel später aber gelang es einem schwindelhaften Mönche, namens Ciani, ihn zu bekehren, und zwar vermittelst einer nicht einmal sehr durchtriebenen Bauernfängerei, und von da an hörte man ihn seine schönsten Werke nie anders denn als verwerfliche Jugendsünden und Verirrungen bezeichnen. Noch viel schlimmer aber und lächerlicher ist es, dass der vormalige Schalk und Weiberfreund in seinen älteren Tagen zu einem argen Frauenverächter ward und ein Buch mit dem Titel Corbaccio geschrieben hat, in welchem man, wenn man Lust hat, hunderte von schimpflichen, grausamen, hasserfüllten und anklagenden Reden über die Weiber finden kann — dazu in einer Redeweise, welche an Unflätigkeit auch die kühnsten Stellen seiner früheren Werke zehnmal übertrifft. Das sollte seine Rache an jener grausamen Witwe sein; allein der Dichter tat damit, wie wir es oft sich ereignen sehen, nur einen Schnitt ins eigene Fleisch.
[pg 28] Eine späte Ehre ward ihm zuteil, indem er nach mannigfachen Studien und Reisen im Jahre 1373 zum öffentlichen Ausleger der göttlichen Komödie des Dante zu Florenz ernannt wurde, wofür er jährlich hundert Goldgulden bezog. Diese Vorlesungen hielt er unter grossem Zulaufe in der Kirche Santo Stefano bis kurz vor seinem Tode. Er starb am 21. Dezember 1375, zweiundsechzig Jahre alt, und wurde ehrenvoll bestattet. Die Liebe zu der grossen Dichtung des Dante verlieh seinen späteren Tagen, trotz des bösen Corbaccio, noch eine gewisse ehrwürdige Glorie. Für die nachfolgenden Jahrhunderte aber ist er wieder der Geschichtenerzähler mit der Schelmenmiene geworden, und dem heutigen Geschlecht ist an einem einzigen Witz aus einer seiner Novellen mehr gelegen als an der ganzen Gelehrsamkeit und Ehrbarkeit seines ehrenvollen Alters.
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