Über die Dichtergrösse des Boccaccio, welchen man gerne den dritten unter den grossen italienischen Poeten nennt, steht in vielen Büchern viel geschrieben, was alles zu wiederholen nicht vonnöten ist. Er war unter denen, welche jemals kunstgerechte Novellen verfasst haben, nicht nur der Erste, sondern indem er diese scheinbar geringe Kunst früher als irgend ein anderer betrieben, ja eigentlich erfunden hat, übte er sie sogleich mit einer solchen Vollendung aus, dass er von keinem seiner unzähligen Nachfolger übertroffen oder auch nur erreicht werden konnte. Nicht weniger gross ist aber sein Verdienst um die italienische Sprache, welche er nicht etwa nur verschönert und ausgeschmückt, sondern in gewissem Sinne eigentlich neu geschaffen hat. Denn obwohl schon lange vor ihm der Florentiner Dante das grösste und schönste italienische Gedicht verfasst hat, war doch das Gebiet der Erzählung und die Prosasprache überhaupt noch von keinem mit [pg 30] einiger Kunst gepflegt worden, indem die Gelehrten häufig lateinisch geschrieben hatten. Die mündliche Sprache des Volks, welche in Florenz mit besonderer Schönheit und Reinheit gebraucht wird, hat Boccaccio als der Erste in seinen Erzählungen mit ihrer natürlichen Anmut und Mannigfaltigkeit verwendet und zugleich mit so grosser Kunst gepflegt, dass sie in seinen Händen sich in etwas ganz neues und herrliches verwandelte.

In den Büchern des Dekameron zu lesen, ist für einen, welcher seine Lust an einer schönen und lebendigen Sprache hat, nicht anders als ein Wandeln unter blühenden Bäumen und als ein Baden in einem reinen Gewässer. Die Worte klingen so frisch, als wären sie soeben erschaffen und vorher noch in keinem Munde gewesen; in jedem kleinen Satze springen klare, lachende Quellen auf, und die Sätze tanzen bald leicht und zierlich, bald rollen sie tönend und wohllaut hin. Vielen will es scheinen, es habe Boccaccio zuweilen seiner Sprache Gewalt angetan, und es mag ein wenig Wahrheit daran sein. Während er die Worte aus der Sprache des [pg 31] Volkes von Gassen und Märkten nahm, bildete er hinwieder den Bau seiner Perioden vornehmlich nach dem Muster der römischen Redner und Autoren, zumal des Cicero, den er ungemein verehrte.

Dadurch mag vielen, auch wenn sie der heutigen italienischen Sprache mächtig sind, das Lesen des Dekameron ein schweres und mühsames Werk erscheinen. Allein es ist nicht nur der Anfang dieses Buches der langen Perioden wegen schwieriger zu lesen als die Folge, sondern es pflegen ohnehin nach einigen Versuchen die meisten an dieser Sprache ein solches Gefallen zu finden, dass sie schnell einige Übung darin erlangen. Und vornehmlich darf derjenige, welchem etwa das Lesen des Dante zu schwerster Mühsal gereichte, so dass er ermüdet davon abliess, durchaus nicht fürchten, hier auf dieselben Schwierigkeiten zu stossen. Kurzum, wer einigermassen italienisch versteht, möge sich nicht scheuen, das Dekameron im originalen Texte zu lesen.[*] Sobald er nur einige Übung [pg 32] erlangt hat, wird ihm über den Seiten dieses Buches sein, als höre er Vögel zwitschern, Kinder lachen und Wasser rauschen, eine solche innere Kraft und freudige Lebensfülle ist in dieser Sprache verborgen.

Was das Dekameron als Dichtung anbelangt, so ist es überaus merkwürdig zu sehen, wie alle Kräfte und Vorzüge des Dichters, welcher ja auch eine nicht geringe Zahl von anderen Werken geschrieben hat, in diesem einen Hauptwerke sich schön und harmonisch vereinigen. Die früheren, allmeist in Neapel entstandenen Dichtungen des Meisters handeln fast ohne eine einzige Ausnahme von der Liebe, und die Erzählung „Fiammetta“ ist bei weitem die schönste unter ihnen. Jedoch weiss in allen diesen Dichtungen Boccaccio nichts anderes darzustellen als seine eigenen Gefühle und Liebesgedanken, [pg 33] ohne genügende Mannigfaltigkeit, und die Verse, soweit es sich um solche handelt, sind mit grossem Fleisse, aber geringer Erfindungskraft dem Muster des Petrarca nachgeformt, wie denn stets die jungen Poeten solche Berühmtere nachzuahmen bestrebt waren. Von diesen Dichtungen erwecken mehrere eine Ahnung von seinem späteren Werke, als habe die Idee desselben ihm schon längere Jahre am Herzen gelegen.

BOCCACCIOS Handschrift

Aber wie ein frischer und tüchtiger Mann erst in den Jahren der völligen Reife die schwere Kunst des Lebens lernt, die darin besteht, dass der einzelne Mensch seine Schicksale und Gefühle gleich der Welle im Meer ansehen und mit heiterer Bescheidenheit im grösseren Leben der Gesamtheit verbergen kann, so besann sich auch dieser Boccaccio erst in späteren Jahren, als schon die Leidenschaft seiner Jugendzeit verglommen war, auf alle seine Kräfte. Was er von Kind auf, aus seiner Bastardkindschaft her, und alsdann in Florenz und Neapel und auf manchen Reisen erfahren hatte, wurde nun zu plötzlicher Klarheit erhoben und im stillen entbunden. Nicht [pg 34] weniger die Leiden und die Wollust der Frauenliebe als der Zauber des Reisens und Schauens, die Erlebnisse und Sitten der Studenten ebenso wie die Sorgen und Plagen der Kaufleute, die Gebräuche, Tugenden und Laster derer, die bei Hofe und die in der Wechselbank und die auf den Märkten oder zu Schiffe leben und ihr Brot zu erwerben suchen, die Eigenschaften der Narren wie der Weisen, die Lebensart der Priester, der Richter, der Soldaten, der Seefahrer, der Frauen, der Dirnen sowie alles Ernste, Schöne, Seltsame, Lächerliche und Traurige des menschlichen Lebens, soweit nur jemals ein Mensch es erfahren und beobachtet hat — dieses alles zog er nun aus seinem Gedächtnisse hervor.

Gewisslich sind von den hundert Erzählungen des Buches Dekameron nur sehr wenige von Boccaccio selbst erfunden worden. Vielmehr hatte er die einen erzählen hören, die anderen selbst erlebt oder sich zutragen sehen, andere auch aus alten Sagen und Liedern und Fabeln genommen. Nur ein Tor möchte wünschen, er hätte sie alle selbst sich [pg 35] ausgedacht. Im Gegenteil ist es einer der grössten Vorzüge des Dekameron, dass es gleich einem Speicher oder Juwelenschrank die Erfahrungen und Schicksale unzähliger Menschen und Zeiten in sich beschlossen hält. Viele von den Geschichten kamen aus dem Morgenlande, aus Griechenland und aus Frankreich, Spanien und Germanien her, viele sind schon sehr alt gewesen, andere wieder erst von gestern. Dass aber ein einzelner Mann diese zahllosen kleinen Stücke in seinem Gedächtnis gesammelt, alsdann geordnet und verbessert und am Ende zu einem grossen, wundervollen Ganzen zusammengesetzt hat, dazu in einer von ihm selbst geschaffenen, vollkommenen Sprache — und das Ganze so ebenmässig, rein und klar und in sich selber einig, als wäre alles am selben Tag und aus demselben Geist entstanden — dieses ist, so oft man es auch betrachte, ein fast unbegreifliches Wunder. Begebenheiten und Lehren, Spässe und weise Erfahrungen, die eine uralt, die andere frisch von der Gasse, die eine von Hofe, die andre aus dem Bettelvolk, die eine arabischen, die andre deutschen, [pg 36] die dritte französischen Ursprungs, lustige und klägliche, edle und gemeine, diese alle zusammen zu einem einzigen prächtigen Werk vereinigt, aneinander gefügt und wie die Steine eines Geschmeides jede die Nachbarin hebend und verzierend, und dennoch jede einzelne bis in die geringsten Teile mit aller Kunst und Sorgfalt ausgebaut und zur Vollkommenheit gebracht! Wahrlich, wenn Boccaccio in seinem Leben eine grosse Torheit und Sünde begangen hat, so war es, als er sein unsterbliches Werk selber als eine müssige und leichtfertige Jugendarbeit und Verirrung verleumdete.

Allerdings genoss er zu seinen Lebzeiten den meisten Ruhm nicht um der Novellen, sondern um seiner gelehrten Werke willen, von welchen heute nur noch die Vita di Dante einigen Wert hat. Dennoch zählte er zu den unterrichtetsten Männern seiner Zeit, und indem er einen schönen lateinischen Stil schrieb, sich sehr um die alten Autoren bemühte und auch die damals nur wenig gepflegte Kenntnis des Griechischen auszubreiten bestrebt war, hat er ebenso wie Petrarca einen ruhmvollen [pg 37] Anteil an der Begründung des italienischen rinascimento.